Start bei der T&C Film
Durch Zufall kam ich zu einem Job als Cadreur, wie Produzent Marcel Höhn den Schwenker nannte. Er meinte es aber auch so, er war mit der Arbeit des Kameramannes bei «Schweizermacher» offensichtlich nicht zufrieden. Aber dieser war ein Spezi von Regisseur Rolf Lyssy und wir drehten den unvermeidlichen Nachfolgefilm mit Emil Steinberger. Der natürlich niemals so erfolgreich werden konnte wie «Schweizermacher». Der Kameramann wurde kurzerhand von der Kamera weg zum Chefkameramann hinauf befördert und die Arbeit an der Kamera mir überlassen.
2. Streich
Die Kamera
stand auf einem Dolly mit Mittelsäule. An dieser Säule waren zwei Sitze befestigt.
Einer für den Kameramann der andere für den Assistenten, die Sitze waren starr
miteinander verbunden, jedoch drehten sie sich synchron um die Mittelsäule. Nun
sprang der Assi mit heftigem Anlauf auf seinen Sitz, ich knallte auf dem Gegensitz mit
dem Auge voll an den Sucher. Zudem nahm das schwere Gefährt Fahrt auf und riss
ein Loch in die Dekoration.
3. Streich
Wir schauten
uns im Kino die Muster des Vortages an. Plötzlich kam eine völlig unscharfe
Aufnahme. Ich hatte keine Erklärung dafür. Am Schneidetisch bemerkten wir dann,
dass das erste Bild absolut scharf war. Das Objektiv musste sich durch die
Vibration der laufenden Kamera aus der Fassung bewegt haben, also war der
Bajonettverschluss vom Assistenten nicht geschlossen worden. Spätestens beim
Abbau der Kamera, hätte er den Fehler bemerken müssen und Alarm schlagen.
Zu meiner
Verteidigung muss ich sagen, dass ich die Unschärfe nicht bemerkt habe, liegt
auch daran, dass die Mattscheibe einer Filmkamera etwa so gross wie eine
Briefmarke und sehr körnig ist, zudem flackert das Bild unablässig. Deshalb
werden die verschiedenen Schärfepunkte mit dem Meterband abgemessen und auf den
Schärfering des Objektivs übertragen. Der Assistent zieht dann die Schärfe nach
dem vorgegebenen Ablauf.
Nun fühlte ich mich verpflichtet den Produzenten über die Vorfälle zu unterrichten und ihm zu sagen, dass ich mich mit diesem Assistenten nicht sicher fühle. Nach etwa 10 Drehtagen wurde er vom Produzenten gefeuert und ich konnte mit meinem mir vertrauten Assistenten weiterarbeiten.
Filmen als Camera-Director
Der Produzent war offenbar von meinem ruhigen, sachlichen Verhalten, meinem zügigen Arbeiten, meinem schnörkellosen, zielgerichteten Handeln, meinen ansprechenden Bildern und den Filmen die er von mir schon gesehen hatte so überzeugt, dass er mich fragte ob ich für die T&C Film Werbespots gestalten möchte. Dem damaligen Trend im Ausland folgend, suchte er einen Filmer dem er zutraute auch als Camera-Director zu arbeiten, also wollte er Regie und Kamera in eine Hand geben. Wir machten ab, dass ich als Freischaffender Projekte realisiere und ich das anderthalbfache des damals üblichen Honorars erhalte. Zudem für jedes Skript Fr 2.000.-. Auch Ideen, Slogans und Bilder von mir die ausserhalb der TV-Werbung verwendet wurden, mussten von den Werbeagenturen separat abgegolten werden.
Die
Doppelbelastung Regie und Kamera kann man nur erfolgreich bewältigen, wenn man
jedes Detail des Projekts im Voraus sich genau ausdenkt: Schauspielführung, Kameraposition, Bildausschnitt,
Lichtgestaltung, Schnitt usw. und man muss natürlich auch einen Plan B im Kopf
haben.
Durch meine präzisen Vorarbeiten und ohne zeitraubende Gespräche zwischen Regie und Kamera am Set, konnte ich sehr schnell arbeiten (manchmal sogar zu schnell für mein Team).
Kreativ war ich also nur im stillen Kämmerlein, am Film-Set habe ich lediglich realisiert, was ich mir vorher genau ausgedacht habe.
Ich habe in
den nächsten Jahren unzählige Commercials für die T&C Film gedreht.
Jährlich bekam ich vom Art-Directors-Club Auszeichnungen in Gold, Silber oder
auch mal nur in Bronce. Ich ging aber nie an eine Preisverleihung, mit der
Werber-Szene hatte ich gar nichts am Hut. Zudem gefiel es mir immer viel besser
etwas zu machen als gemacht zu haben.
Anfänglich
arbeitete ich in dieser Zeit zusammengerechnet etwa 3-4 Monate im Jahr.
Test ein
weiteres Mal bestanden
Etwa ein Jahr
später stellte mich Hansjörg Bahl von der Duo-Film auf eine Verhaltensprobe. Er
beauftragte mich ins Emmental zu fahren und dort ein bestimmtes Bauernhaus
aufzunehmen. Die Besonderheit des Objekts war, dass es einen mit Holz
verkleideten Futtersilo hatte. Er machte mir einen genauen Lageplan und
schickte mich und meinen Assistenten los.
Mit seinem
präzisen Groggi fanden wir das Haus auf Anhieb. Doch von Holzverkleidung war
keine Spur. Der Siloturm war wie üblich aus grau-grünen Glasfasern hergestellt.
Hansjörg hatte mir noch gesagt, dass er an diesem Tag, da im Ausland, nicht
erreichbar sei. Was sollte ich tun? Ich hätte ein paar Meter Film durch die
Kamera laufen lassen können um ihm zu beweisen, dass er sich irgendwie geirrt
hatte. Aber eine 120 Meter Filmbüchse nur schon zu öffnen kostet ein paar
hundert Franken Entwicklungs- und Kopierkosten, zudem wären die restlichen 115
Meter Film nur noch bedingt zu gebrauchen gewesen. Also entschloss ich mich ihm
ohne filmischen Beweis die Sache zu erklären. Er musste soviel Vertrauen zu mir
haben und mir glauben, dass ich am richtigen Ort war, ich noch in der näheren
Umgebung nach dem Objekt Ausschau gehalten habe und dass der Silo des
Bauernhauses keine Holzverkleidung hatte.
Er wollte
aber nur testen ob ich nun, wie er anscheinend befürchtete, grossmäulig ihn
einer falschen Information beschuldige und als Beweis Geld zum Fenster hinaus
werfe, oder bescheiden und sachlich den Sachverhalt erkläre und auf sein
Vertrauen baue. Er gestand sein verdecktes Vorgehen und fragte mich, ob ich
auch für die Duo-Film arbeiten würde.
Wir bauten
ein kleines, engagiertes Team aus freischaffenden Filmtechnikern und
Produktionsmitarbeitern auf. Zudem hatte er nur ein relativ kleines
Produktionsbüro, also kaum Fixkosten und einen treuen Kundenstamm. Wir
arbeiteten nach dem Prinzip: Sofort, zügig, perfekt. Ich denke die Duo-Film
hatte damals die mit Abstand höchste Gewinnmarge der ansässigen Filmproduktionen.
Er bezahlte mich grosszügig für meine Mitarbeit.
In dieser Zeit drehten wir auch einen Spot für Colgate Zahnpasta, in dem eine Mutter ihrem kleinen Kind das richtige Zähneputzen spielerisch erklärte. Die Szene fand in einem vornehmen, altenglischen Wohnzimmer statt, im Hintergrund loderte ein Feuer im Cheminee. Wenn man in einem Filmstudio Feuer macht muss man einen Feuerwehrmann beiziehen. Ich hatte statt Holzscheiter Briketts aus Wachs und Sägemehl eingesetzt, so konnten wir das Feuer leicht auslöschen und wieder anzünden. Dadurch wurde die Kontinuität der Grösse des Feuers den ganzen Drehtag in etwa beibehalten. Auch um unnötige Hitze im Studio zu verhindern, liess ich das Feuer zwischen den verschiedenen Einstellungen löschen.
Beim ersten
Löschvorgang durch den Feuerwehrmann bemerkte ich, dass die Flamme sich für
einen sehr kurzen Moment in verschiedene Einzelteile trennte bevor sie in sich
zusammenfiel. Ich fragte meinen Assistenten, ob er dieses Phänomen auch gesehen
habe. Er schüttelte den Kopf. Auch bei der zweiten Löschung konnte er den
Verlust der Integrität der Flammen nicht sehen. Wir fragten den Feuerwehrmann
mit was er eigentlich das Feuer löschte. Stolz erklärte er uns, dass dies der
neuste Feuerlöscher sei der Halon versprühe, ein Gas das die Flammen in kleine
Partionen trenne und somit die Flamme in sich zusammenbreche. Dass man aber
diesen extrem schnellen Vorgang von blossem Auge nicht sehen könne, er hätte
aber in einem Schulungsfilm Zeitlupenaufnahmen in denen das Phänomen deutlich
gezeigt wurde gesehen.
Kurze Zeit
später machte ich eine Zeitlupenaufnahme bei der eine versunkene Coca-Cola Dose
blitzartig aus dem Wasser schoss. Wieder konnte keiner im Studio ausser mir
sagen wie die Form der Wasserspritzer ausgesehen hat.
Wissenschaftliche
Untersuchungen haben ergeben, dass jeder Mensch diese Fähigkeit der Zeitdehnung
hat, jedoch wird dieser Effekt im Gehirn nur bei höchster Lebensgefahr
ausgelöst (schwere Verkehrsunfälle, Abstürze von Bergsteigern). Ich glaube,
dass ich durch mein jahrelanges, intensives Zen-Training mir die Fähigkeit erarbeitet
habe, auch ohne Todesgefahr diesen neurologischen Effekt auszulösen.
Spielsucht als Antrieb
Zwischendurch
machte ich auch mal längere Filme. Im Auftrag des Schweizerischen Behinderten
Bundes drehte ich über einen Geistig- und einen Physisch-Behinderten je ein
Portrait. Das Ziel der Filme war mögliche neue Wohnkonzepte für Behinderte
einer breiten Öffentlichkeit aufzuzeigen. WG`s galten zu jener Zeit in der
Bevölkerung noch als «Kommunen» in denen ungewaschene Revoluzzer hausten.
Studenten wohnten damals noch als Zimmerherren bei der Schlummer-Mutter.
Die Behinderten sehnten sich nach einem Stück Freiheit und Selbständigkeit, die sie in den Heimen nicht bekommen konnten. Und eine Betreuungsperson konnte sich um 2-3 Wohngruppen mit 5-6 WG-Mitgliedern kümmern, da die Behinderten auch gerne Verantwortung übernehmen wollten und zB. gegenseitig schauten, dass alle regelmässig ihre Medikamente nahmen. Zudem würde dieses System auch eine Einsparung im Gesundheitswesen bringen.
Ich hatte meinem Produzenten in der T&C Film versprochen die Filmkonzepte während meines dreimonatigen Aufenthalts in Kalifornien zu schreiben und ihm in die Schweiz zu schicken. Ich verspürte aber wenig Lust am sonnigen Strand von Venice Beach an das Leben von Behinderten zu denken. Ich prokrastinierte fortlaufend. Dann kam mir die erlösende Idee, ich fuhr nach Las Vegas, dort waren grosszügige Hotelzimmer günstig zu haben und auch das Essen kostete nicht viel, man liess ja das Geld in den Casinos liegen. Ich erlegte mir folgendes auf, solange es draussen hell war an den Konzepten zu arbeiten, jedoch, wenn es zu Eindunkeln begann, begab ich mich an den Black Jack Tisch. Nach einer Woche konnte ich die Filmkonzepte in die Schweiz schicken und hatte, obwohl ich einmal mit 700 Dollar im Plus war, am Ende etwas über 300 $ verloren, rechne ich allerdings die vielen Gratis-Drinks auf, habe ich wohl Plus-Minus 0$ Las Vegas’ wieder den Rücken gekehrt.
In den Casinos ist Fotografieren strengstens verboten und es hat viel Sicherheitspersonal. Trotzdem habe ich auch hier ein Selfie gemacht. Ich bin zwar deutlich auf dem Bild zu sehen, aber mein Gesicht zu finden ist ziemlich schwierig.
Mit den zwei Filmproduktionen für die ich regelmässig TV-Spots, mit folgsamen Hunden, eigensinnigen Katzen, dressierten Löwen, widerspenstigen Kindern und zickigen Schauspielerinnen gedreht habe, werde ich wohl 7-9 Monate im Jahr gearbeitet haben.
In dieser Zeit habe ich auch noch einen Film im Auftrag des Museum Rietberg gemacht. Produzent war die Condor Films. Einziger Darsteller war ein Lingbi, ein chinesischer Gelehrten-Stein aus der Sammlung des Museums. Das Werk wurde von der Eidgenössischen Filmkommission zum Besten Auftrags-Film 1999 erkoren.
Ich habe dann mehrere Jahre mit der T&C und der Duo Film erfolgreich zusammengearbeitet. Neben den jährlichen Auszeichnungen des Art-Directors Club, kamen wir auch mit einem TV-Spot in Cannes auf die Shortlist und gewannen die Goldene Klappe von Berlin. Dadurch bekam ich auch Anfragen aus dem Ausland. Ich habe dann mit dem Gewinner des Goldenen Löwen von Cannes John Sinclair zwei Kino-Werbefilme gedreht, ich habe im Cinelandia in Mailand und auch für die Nippon Electric Compagnie mit Japanern in Zürich gedreht.
Die japanischen Werbeleute und Toshi der Regisseur verhielten sich, obwohl sie junge Leute waren, streng nach dem japanischen Kodex. Bei den Vorgesprächen ging es unter anderem um die Farbe eines Theatervorhangs, der sich zu Beginn des Spots öffnen sollte. Alle Anwesenden sahen einen schwarzen Vorhang als beste Variante an. Nur, führten nach dem der Vorhang aufgegangen war «Mummenschanz» eine Nummer auf, natürlich vor schwarzem Hintergrund. Der schwarze Vorhang wäre also kaum zu sehen gewesen. Ich wollte eigentlich einen klassischen dunkelroten Theatervorhang, plädierte aber als Kompromiss für einen Dunkelblauen. Doch weder der Art-Director noch der Regisseur, noch der japanische Dolmetscher, noch ihre Sekretärin, noch die Aufsichts-Person des Auftraggebers konnten unverständlicherweise meiner Argumentation folgen. Über die Farbe des Theatervorhangs wurde weiter diskutiert, bis ich sagte: « Okay, we'll do it in black». Alle Japaner schauten mich entgeistert an. » No, we're going to have a discussion» sagte Toshi brüskiert. Ich war mich gewohnt, dass hier die Leute froh waren, wenn ich von meinen Vorstellungen abrückte. Weiter klärten sie mich auf, dass der endgültige Entscheid sowieso von ihren Vorgesetzten in Tokio gefällt werde. Nach 14 Tagen kam ein Telegramm aus Japan, wir sollen den Vorhang in Dunkelblau in Auftrag geben.
Eine noch traditionellere japanische Darbietung boten der Art-Director und der Regisseur im Kino nach der Sichtung der Aufnahmen vom Vortag. Die beiden hatten während des Drehs einen heftigen Disput. Anscheinend setzte sich Toshi durch. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging. Nachdem sie nun die Aufnahmen gesehen hatten, standen sie auf und stellten sich wortlos einander gengenüber vor den Anwesenden auf. Nun musste der in der streitigen Frage offenbar unterlegene Art-Director den Kotau vor Toshi machen, sich selbst beschuldigen, um Vergebung bitten und den Regisseur loben. Toshi nahm die uns übertrieben scheinende Entschuldigung regungslos an. Es war eine Szene wie aus dem alten Japan.
Arbeiten für die SRG
Für das Schweizer Fernsehen drehte ich 17 Video-Clips für das Olympia-Quiz Nagano 1998 mit allen Schweizer Wintersport Koryphäen. Ich schrieb kleine Szenen im Stile des japanischen Kabuki-Theaters, die von den Sportlern gespielt werden mussten. Nachher integrierte ich die kurzen Sequenzen nahtlos in originale, japanische Theateraufführungen hinein. Die Zuschauer mussten nun erraten, welcher Olympia-Teilnehmer sich hinter der japanischen Schminke verbarg. Zur Auflösung des Rätsels machten die Darsteller jeweils immer deutlichere Bewegungen aus ihrer Sportart bis sie riefen:» He, ich bin`s de Michael vo Grünige!» Es war für mich nicht einfach mit den eingefahrenen Gepflogenheiten und den unsinnigen Regeln im TV-Studio Leutschenbach umzugehen.
In der
Folgezeit erhielt ich verschiedene lukrative Angebote. Vor allen wollte mich
die renommierte Marken-Film in Hamburg unbedingt in ihrem Team haben. Ihr
Manager rief mich mehrmals an, um mir einen Wechsel nach Hamburg schmackhaft zu
machen.
Fast
gleichzeitig bot mir die T&C Aktienanteile an und auch von der Duo-Film
hätte ich 50% der Firma haben können. Allerdings wollten verständlicherweise
beide Produktionen, dass ich nur noch exklusiv für sie arbeite. Das wären
allerdings Full-Time-Jobs gewesen die mir viele ungeliebte, unkreative Arbeiten
wie Offerten errechnen, Kundenkontakte pflegen, Drehs organisieren und anderes
mehr eingebrockt hätten.
Ich war aber in meinem Kopf schon ganz woanders. Nach über 20 Jahren beim Film, wollte ich, nach meinen Zen und Psychologie Studien und den Erfahrungen die ich mit mir selbst gemacht habe, ein eigenes Do-jo (Weg-Raum) eröffnen.
Wie und nach
welchen Grundsätzen ich in dieser neuen Situation gearbeitet habe, erkläre ich in
einem späteren Post. Nächstes mal gibt’s etwas Kunstgeschichte. Titel «Maria
mit dem langen Hals»
Lösung Rätsel von Las Vegas
Kontakt alexander@jent.ch










