Oper - Snobistischer Kitsch oder philosophisches Gesamtkunstwerk?  

 

Von der Drei Groschen Oper zu den lustigen Weibern von Windsor ist ein weiter Weg. Doch alle Gesangs-Theater wie die Opera seria, Opera semiseria, Opera buffa, Verismo-Oper, Tragédie lyrique, Grand opéra, American Folk Opera, Operette und Musical benutzen eine Melodie als emotionalen Verstärker des Textes. Auch die rollengerechten (Phantasie-)Kostüme, expressiven Masken und monumentalen Bühnenbilder zeichnen viele Opernaufführungen aus. Somit ist es nicht falsch von einem Gesamtkunstwerk zu sprechen.


«Die Zauberflöte» Salzburger Festspiele 2018


Turandot - Arena di Verona 2018

 

Die Inszenierungen passen sich meistens dem Zeitgeschmack an, oder konterkarieren ihn in provokativer Weise.

Die Musik reicht von Barock bis Pop. Die Arien von sentimental bis aggressiv. Da aber 300 Jahre alte Musik weit mehr ein elitäres, snobistisches Publikum anspricht, das zudem schon den Besuch der Oper als gesellschaftliches Ereignis feiert, ist seit den 68er Unruhen Vielen die Oper grundsätzlich suspekt.

Ebenso verhält es sich mit der oft schwülstigen Sprache älterer Werke. Auch die vielen schlechten klassischen OpernsängerInnen, Sopranistinnen die «göissen» statt singen, schleppende Bässe, Bewegungstrottel die auf elegant machen und übertriebene, stummfilmhafte Schauspielerei, werben heutzutage nicht gerade für die klassische Oper.

 

Der Buffonisten-Streit

Auf dem Höhepunkt der Epoche der Aufklärung um 1750 weilte eine neapolitanische Opern-Truppe in Paris. Die französische Oper zu der Zeit war eine prunkvolle höfische Inszenierung zum Ruhme des Königs und des Adels. Hochtrabend wurde diese Operngattung «Tragédie lyrique» genannt.

Eine ganz andere Welt hingegen zeigte die «Opera buffa» von Giovanni Battista Pergolesis «La serva padrona» (Die Magd als Herrin) durch das italienische Ensemble unter Eustachio Bambini. Eine Magd, die von ihrem Herrn jahrelang drangsaliert wurde, gewinnt Oberhand. Mit einer List gelingt es ihr sogar, das der alte Despot sie heiratet und somit zur Erbin macht.

  

                        Donato Di Stefano / Patrizia Biccirè                    Sarah Connolly / Stéphane Degout                                                          La serva padrona                                   Hippolyte et Aricie / Opéra de Paris

Man kann sich leicht vorstellen wie die neapolitanischen Stimmgiganten ungehemmt ihre Arien schmetterten - ganz im Gegensatz zum distinguierten Gesang der «Tragédie lyrique»- Darstellern.

 

Opernstreit auf höchster Ebene

Sowohl wegen des skandalösen Inhalts wie auch der einfachen, melodiebetonten Musik und des italienischsprachigen Gesangs entbrannte der sogenannte «Buffonisten-Streit». Dessen Kontrahenten der konservative, die französische Oper bevorzugende Coin du Roi (Loge des Königs) und andererseits der progressive, die italienische Oper verfechtende Coin de la Reine (Loge der Königin) waren. Zu Letzteren gehörten u. a. die Aufklärer um Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot, Jean Baptiste le Rond d’Alembert und Friedrich Melchior Grimm. Über 60 Schriften von führenden Philosophen wurden zu dem Thema publiziert.

 

Vokal kontra Nasallaut

Jean-Jacques Rousseau wetterte in seinem Rundumschlag «Lettre sur la musique françoise», gegen die Künstlichkeit und Stilisierung der herkömmlichen französischen Adelsoper und sprach zudem der französischen Sprache jede musikalische Qualität ab. Vor allem die vielen Nasallaute der französischen Sprache hielt er gar für unsingbar, ganz im Gegensatz zu den offenen Vokalen des italienischen Gesangs. Nach der Veröffentlichung dieser polemischen Abhandlung musste nicht nur Rousseau, sondern auch die neapolitanische Operntruppe aus Paris fliehen.


Stille Tage auf der St. Petersinsel

Rousseau versteckte sich auf der wilden, fast menschenleeren Insel im Bielersee, wo er in einem der reformfreudigen Cluniazenser-Kloster Zuflucht fand. Dort führte er gezwungenermassen ein Leben im Stile des «Retour a la nature». Er begann die seltenen Pflanzen der Insel zu studieren und verfasste eine Flora Petrinsularis. In dieser Zeit besuchten ihn dort auch Berühmtheiten aus ganz Europa.

Logischerweise bekam auch die französische Regierung bald Kunde vom Aufenthaltsort des gesuchten Frankophonie-Verleumders und verlangte von der bernischen Regierung die Auslieferung Rousseaus. 

Als Armenier verkleidet flüchtete Rousseau in seine Heimatstadt Genf. 


Aus dem Buffonistenstreit ging kein eigentlicher Sieger hervor, letztendlich entwickelte sich aus der Opera buffa und der Tragédie lyrique eine neue Opernform - die «Opera semiseria» (halbseriöse Oper). Meine liebste Operngattung ;-).  


Die Zauberflöte

«Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren!» schreit Tamino und fällt vor Schiss in Ohnmacht. Drei Frauen bannen couragiert die Gefahr. So verläuft der jämmerliche erste Auftritt des Helden Prinz Tamino in der «Zauberflöte».

 

Alle folgenden Bilder aus «Die Zauberflöte» Salzburger Festspiele 2018

Als nächster männlicher Aspekt taucht ein aufschneiderischer Luftibus auf, der sich mit fremden Federn schmückt, indem er behauptet, den bedrohlichen Lindwurm selbst mit blossen Händen erwürgt zu haben.


Der ängstliche Tamino entbrennt auf Grund eines, sicher geschönten, Bildchens einer Jungfrau, so in Liebe, dass er plötzlich weder Tod noch Teufel fürchtet, um seine unbekannte Geliebte aus der Gefangenschaft zu befreien.



Überraschenderweise kommt es nicht zu einer kämpferischen oder listigen Befreiung der Geliebten, sondern Läuterung und persönliche Entwicklung sind der Schlüssel zum Ziel.  

Das kongeniale Duo Emanuel Schikaneder und W. A. Mozart, beide Freimaurer, postulieren in diesem Werk die Notwendigkeit lebenslanger, persönlicher Entwicklung zu zwei der wichtigsten Gebote der Freimaurer; Humanität und Toleranz.

 

Rachesüchtige Mutter

Auf einer zweiten Ebene spielt sich ein Scheidungs-Kind-Drama ab. Tamina, die Geliebte von Prinz Tamino, gerät zwischen die Fronten der sich bekriegenden Eltern. Ihre Mutter, die Königin der Nacht, verlangt von ihrer Tochter die Ermordung des eigenen Vaters, ansonsten würde sie Tamina als ihre Tochter auf ewig verstossen.



Echte und unechte Bösewichte

Der Vater Sarastro, mächtiger Meister der Geheim-Loge, entführt seine Tochter und hält sie gefangen.


Monostatos, der Bewacher von Tamima, fordert Sex von der Gefangenen.



Trauriger Popanz

Auch Papageno, der Belgleiter des Prinzen, muss verschiedene Prüfungen bestehen, ehe er seine Papagena in die Arme nehmen kann. Mit einem Strick will der, in der Liebe scheinbar gescheiterte, Unglückliche sich das Leben nehmen.


Happy End

Natürlich wendet sich in der Opera semiseria schlussendlich alles zum Guten. Doch zuvor werden allen Beteiligten die schrecklichen Folgen von Intoleranz und Inhumanität deutlich vorgeführt.



Ein über 200 Jahre altes Werk entspricht natürlich in vielem nicht mehr der political correctness von heute. Obwohl sie gleich zu Beginn der Aufführung durchbrochen wird, wirkt die Rollenzuteilung der Geschlechter manchmal schon fast lächerlich. Die Darstellung aufgeblasener Männlichkeit trifft aber auch heute noch gelegentlich zu. Aber der hohe Unterhaltungswert und die nachhallenden Denkanstösse der Zauberflöte machen die Oper auch heute noch sehenswert.

Vor allem die fantasievolle, witzige, gelegentlich gar parodistische Inszenierung der vier deutschen Theaterfrauen; Lydia Steier, Regie, Katharina Schlipf, Bühnenbild, Ursula Kudrna, Kostüme und Ina Karr, Dramaturgie. Die SängerInnen sind junge, eher noch unbekannte Akteure. Klaus Maria Brandauer gibt den erzählenden Grossvater.

Die Inszenierung für die Salzburger Festspiele 2018 zeigt eine mehr als gelungene Neuinszenierung eines alten Werks.

 Zauberflöte  1.Akt   https://youtu.be/08eGh7wGVdM

 Zauberflöte  2. Akt   https://youtu.be/8cMx3jdVw_c  


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