Mein Vater - Sohn eines Hochstaplers


Mein Vater wurde 1906 in wohlhabende Verhältnisse geboren. Sein Vater war Mitinhaber der Zeitung «Der Bund» den dessen Grossvater Louis Jent 1850 gegründet hatte.

Der Bund-Gründer kam aus ärmlichen Verhältnissen, nach dem frühen Tod seines Vaters 1812 landete er mit seiner Mutter im Armenhaus von Safenwil. Dort hatte der begabte Bub keine Möglichkeit eine angemessene Bildung zu bekommen. Die rührige Mutter zog mit ihrem Sohn Louis nach der damals fortschrittlichen Stadt Aarau, wo sie als Magd das Schulgeld für ihr Kind verdiente.

Bei einem öffentlichen Examen war der deutsche Verleger Heinrich Remigius Sauerländer anwesend. Sauerländer war Freimaurer und vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht kümmerten sich viele Logenmittglieder um die Ausbildung von minderbemittelten Jugendlichen. Er ermöglichte dem klugen Jungen eine Lehre als Buchhändler in seinem Verlag in Frankfurt.

Danach eröffnete Sauerländer in der damaligen Ambassadoren Stadt Solothurn eine Filiale und übergab seinem ehemaligen Lehrling die Leitung. Nach wenigen erfolgreichen Jahren trat Sauerländer die schweizerische Niederlassung seines Verlags vollumfänglich an seinen Ziehsohn käuflich ab. Louis Jent verlegte Jeremias Gotthelf und andere schweizerische Dichter, viele wissenschaftliche Autoren und gab die humoristische Illustrierte „Der Postheiri“ und den beliebten «Disteli-Kalender» heraus, der die damals sensationelle Auflage von 30 000 Exemplaren erreichte. Er kaufte die Papierfabrik Biberist, eröffnete die damals modernste Druckerei und erwarb weitere verwandte Betriebe.



Neuer väterlicher Freund

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland fand der mittlerweile 28-jährige Junggeselle im Hause des Regierungsrates Johan Babtist Reinert freundschaftliche Aufnahme.

Reinert war ein Renegat. Als Beamter, der durch einen Putsch zurück an die Macht gelangten aristokratischen Restaurationsregierung, organisierte er heimlich einen Bauernaufstand gegen das solothurnische Ancien Régime und für einen liberalen, demokratischen Säkularstaat.

Mit einer Schar bewaffneter Bauern eroberte der 24-jährige Revoluzzer im nächtlichen Handstreich das solothurnische Regierungsgebäude und die Staatskanzlei. Nach den öffentlichen Gebäuden besetzten die Aufständischen alle Wirtschaften im Ort und feierten ihren leichten Sieg über die verhassten Patrizier. Jene sandten jedoch umgehend einen berittenen Boten nach Bern mit der dringenden Bitte um militärisches Eingreifen. Als die Siegesfeier in Solothurn ihren Höhepunkt erreichte, umzingelten bereits einige Hundertschaften des eidgenössischen Bundesheeres die Stadtmauern von Solothurn. Nach kurzem Gefecht musste Reinert erkennen, dass seine betrunkenen Bauern gegen die Übermacht von kriegserprobten Soldaten keine Chance hatten. Er kämpfte sich durch die gegnerische Belagerungslinie und floh nach Aarau.

Nach diesem schrecklichen Erlebnis erkannte er, dass ein liberaler, demokratischer Staat nicht durch eine gewaltsame Revolution, sondern durch geduldiges, auf Ausgleich bedachtes, aber zielstrebiges Agieren erkämpft werden musste.

Reinert studierte Jura und zog, nachdem er amnestiert wurde, als Rechtsanwalt wieder nach Solothurn. Bald wurde er in den Grossen Rat gewählt, als Führer der Ausgleichsbewegung drang er auf Einschränkung von Patriziat und Klerus und verhalf der Landbevölkerung zu ihren Rechten.

Die klare, uneigennützige Denkart von Johan Babtist Reinert, seine politische Weitsicht und seine Menschlichkeit, beinflusste den jungen Jent massgeblich. Bald entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden liberal denkenden Patrioten.


Ehe mit Sophie Barbara Reinert

Im Hause Reinert verbarg sich aber ein noch grösserer Schatz für Louis: Sophie. Reinert hatte mit seiner aus Deutschland stammenden Frau sechs Kinder. Sophie Barbara Reinert war die älteste Tochter und das Lieblingskind ihres pädagogisch begabten Vaters.

Noch ihren Enkeln und Urenkeln erzählte Sophie die Geschichte, wie sie mit ihrem Vater in der solothurnischen Ambassadoren-Kutsche quer durch die Schweiz zu den eidgenössischen Tagsatzungen reiste und wie sie als kleines Mädchen neben ihrem grossen Vater alle mächtigen Persönlichkeiten der damaligen Schweiz kennen lernte. 

Aus dem intelligenten Mädchen entwickelte sich, wohl auch durch die aussergewöhnliche väterliche Förderung, eine eigenwillige, unabhängige und eigenständige junge Frau. Die 18-Jährige führte bereits ein selbst gegründetes Ladengeschäft für Frauenartikel. 1840 heirateten Louis Jent und Sophie Reinert in der St. Ursen Kathedrale in Solothurn, und wurden dabei nicht nur Lebens- sondern später auch Geschäftspartner.


«Der Bund»

Kurz nach der Gründung des schweizerischen Staatenbundes 1848 erkannten fortschrittlich denkende Kreise die Notwendigkeit eines eidgenössischen Zentralblattes. Die damalige Presselandschaft war von kleinkariertem Kantönligeist geprägt. Die mächtigen Herausgeber der lokalen Blätter liessen ihre Meinung durch einen ihnen genehmen Redaktor kolportieren, oder griffen kurzerhand selbst zur Feder. Diese Meinungsblätter wetterten nicht nur gegen ihre Nachbarkantone, sondern mit besonders spitzer Feder gegen den Bundesstaat.

Die eidgenössische Bundesregierung in Bern gab zwar wöchentlich das „Eidgenössische Bundesblatt“ heraus, in dem Sitzungsprotokolle, Bundesratsbeschlüsse, Gesetzesvorlagen usw. veröffentlicht wurden. Aber wie die Inhalte der Bevölkerung in den einzelnen Kantonen mitgeteilt wurde, oblag der den Einzelinteressen dienenden örtlichen Meinungspresse. Die Notwendigkeit einer unabhängigen Zeitung, die die Interessen des ganzen Landes ins Visier nahm und die Regierungstätigkeit des noch jungen Bundesstaates frei von lokalen Animositäten dem Schweizervolk nahebrachte, erkannte auch der Verleger Louis Jent.

Die Finanzierung des riskanten Unternehmens war das erste Problem. Es wäre leicht gewesen, mit Gleichgesinnten eine Aktiengesellschaft zu gründen, aber so wäre die Unabhängigkeit des Blattes von vornherein in Frage gestellt gewesen. Also entschloss sich Jent, mit seiner Frau Sophie Jent-Reinert den Verlag „Jent und Reinert“ zu gründen. 

 


Der Name der neuen Zeitung lag auf der Hand: „Der Bund“. Als Vorbild diente die unabhängige Londoner „Times“.

Um die Zeitung von jeder Einflussnahme, auch seiner eigenen, zu schützen, bestellte er gleichzeitig zwei gleichberechtigte Chefredaktoren, die er zudem nicht selbst, sondern von einer Gruppe bekannter Schweizer Intellektuellen auswählen liess. Um die fähigsten Leute zu bekommen, war er auch bereit, auf jede Honorarforderung einzugehen.

«Der Bund» hatte auch einen Bundesrat als «Raporter» auf der Gehaltsliste. Dieser berichtete, jeweils am Mittwoch nach der Bundesratssitzung, in der Redaktionsstube über die Geschäfte die im Rat verhandelt wurden.

Da das aufwändige Redaktionsstatut viel Geld kostete, musste an anderen Orten gespart werden. So musste meine Ururgrossmutter nächstens die druckfrischen Zeitungsexemplare eigenhändig mit einem Fischbein falzen.

Doch bald stellte sich der Erfolg im In- und Ausland ein. Nach wenigen Jahren war bereits jede dritte Ausgabe zur Hälfte mit Inseraten gefüllt und die Auflage stieg auf 6000 Exemplare, was zu dieser Zeit eine sensationelle Streuung war.

Um die Leserschaft zu erweitern, und wohl auch um sich ein kleines unpolitisches Betätigungsfeld in seiner eigenen Zeitung zu schaffen - er hatte ja sich selbst aus der Redaktion des „Bund“ ausgeschlossen - fügte er dem „Bund“ als erste Zeitung in der Schweiz ein Feuilleton bei. Dort wollte er anregend geschriebene Beiträge zu Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung und anderen aktuellen Themen von schweizerischen Persönlichkeiten verfassen lassen.

Frauenpower rettet den „Bund“.

Immer öfter wirkte Louis Jent der Verleger des „Bund“ verwirrt, desorientiert und sprach zu seiner Frau in Rätseln. Sie erkannte als erste, dass etwas mit ihm nicht mehr stimmte, und sie versuchte es so lange wie möglich geheim zu halten. Da Sophie Jent-Reinert nicht nur nominell Geschäftspartnerin im Verlag „Jent & Reinert“ war, und sich die Wohnung der Verlegerfamilie im obersten Stock des Verlagshauses befand, konnte sie die Geschäfte ihres Mannes überwachen und schrittweise übernehmen. Als 1867 Louis Jent in völliger geistiger Umnachtung an einem Hirntumor starb, übernahm Sophie Jent-Reinert die Verlagsgeschäfte gänzlich und wurde zur Herausgeberin des „Bund“.

Sie schickte ihre beiden kaum zwanzig Jahre alten Söhne zur Ausbildung ins Ausland. Gustav Adolf Jent erlernte in Leibzig den Buchhandel und das Verlagswesen, Hermann Ludwig Jent in Wien das Druckereigewerbe, in der Absicht, dass die Söhne nach ihren Lehrjahren gemeinsam den Betrieb übernehmen, was vierzehn Jahre später auch geschah.


Weitere Infos: 

Historisches Lexikon der Schweiz,  https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/032144/2008-01-30/

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Jent_(Verleger)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Jent

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bund#Geschichte


Mein Grossvater J. J. J. Jent

Als der Sohn des Bund-Gründers Hermann Ludwig Jent (geb.1846) 1894 starb, erbte seine einzige Tochter Alice Pochon-Jent 50% des kleinen Medienimperiums. Gustav Adolf Jent (1850–1915) vererbte seine Anteile an seine fünf Kinder aus zwei Ehen. Somit besass der Vater meines Vaters lediglich 10% der Anteile am «Bund» und seinen weiteren Verlagen und Betrieben.

Johann Jakob Josef Jent war ein Hochstapler und Lebemann. Er liess seine Ehefrau im Glauben die gemietete grosszügige Villa, in der er und seine Familie lebten, sei sein Eigentum. Nachdem er die Mitgift und das Erbe seiner Frau verprasst hatte, häufte er Schulden an. Seine 10% Anteile am «Bund» tauschte er mit seiner Cousine Alice Pochon-Jent gegen ein Wohnrecht im neu erbauten Verlagshaus des «Bund».

Im runden Turmzimmer des Hauses richtete er ein Billardzimmer ein, in dem er sich auffällig oft alleine aufhielt. Seine Ehefrau argwöhnte was er wohl die ganze Zeit allein in seinem Herrenzimmer trieb. Eines Abends folgte sie ihm heimlich nach, fand ihn aber nicht in seinem Billardzimmer, entdeckte jedoch eine halb geöffnete Tapetentür. Sie schlich sich in den Dachstock des angrenzenden Hauses und hörte dort ihren Ehemann folgenden, frivolen, damaligen Gassenhauer singen: «Püppchen du bist mein Augenstern, Püppchen hab dich zum Fressen gern…». Ihr war sofort klar, dass ihr Ehemann im Nebenhaus ein Liebesnest für eine Mätresse unterhielt.

Als er, erst 56 jährig, unter ungeklärten Umständen auf seinem Sterbebett lag, spielte seine Ehefrau auf dem Klavier unablässig in provokanter Weise die Melodie von «Püppchen du bist mein Augenstern».

Nach dem Ableben ihres Ehemannes erlosch auch das Wohnrecht im Bund-Haus und fortlaufend tauchten Gläubiger bei der Witwe auf. Kurzerhand steckte sie ihre vier Kinder ins Waisenhaus und zog als Gesellschaftsdame nach Indien.


Zweigeteilte Kindheit meines Vaters

Die brutale Zäsur vom wohlbehüteten Kind der Oberschicht ins raubeinige Klima des Waisenhauses, zeichnete den Achtjährigen für sein ganzes Leben. Nach der Schulzeit schickte man ihn zu einem cholerischen Malermeister in die Lehre. Dort hielt er es nicht lange aus und floh nach Spanien. Schnell fand er eine Arbeitsstelle und erlernte dort neben dem Flachmalen auch das Marmorieren von Wänden und andere «Trompe-l'œil»- Objekte wie Säulen und Fenster zu malen. Auch die Geheimnisse des Restaurierens von alten Malereien konnte er sich aneignen.


Schnelle Ehe

Nach wenigen Jahren kehrte er in die Schweiz zurück und fand im Cabaret Barfüsser im Zürcher Niederdorf seine grosse Liebe. Er heiratete die Gesangsartistin Mimi Achermann praktisch von der Bühne weg.



Mit seinen in Spanien erlernten Maltechniken fand er schnell Arbeit. Doch dann kam der Krieg und Vater wurde in die Armee eingezogen. Im Range eines Feldweibels betreute und schulte er Soldaten vom Zivilschutz in Zürich. Meine Mutter meldete sich freiwillig als Sanitäterin in die Kompanie ihres Mannes. Sie musste in der kalten Kaserne nächtigen, während er im Hotel residierte. Wohl häufig fand sie den Weg in sein warmes Bett im Hotelzimmer.



Überleben nach dem Krieg

Kurz nach dem Krieg erlag mein Vater einem schweren Herzinfarkt und war von da an nur noch bedingt arbeitsfähig. Er übernahm ein Haushaltsgeschäft, aber zum falschen Zeitpunkt. Die Migros nahm immer mehr Non-Food Artikel in ihr Sortiment auf. «De Migros frisst di Chline» war zu der Zeit ein geflügeltes Wort.

Um sich vom Marktriesen abzugrenzen kreierte er beispielsweise aus WC.-Papierrollen, Putzlumpen, Stahlwolle und anderen Verkaufsartikeln «Putz-Bäbi», die als originelles und praktisches Geschenk gedacht waren. Sie fielen allerdings so sexy aus, dass der Pfarrer das Geschäft aufsuchte und meinen Vater ermahnte die unmoralischen Puppen aus dem Schaufenster zu nehmen. Nach kurzer Zeit ging das Geschäft in Konkurs. Somit verpassten meine Eltern den Aufschwung durch das Wirtschaftswunder in den 50ern. Zudem gebar meine Mutter noch mich, einen unerwarteten Nachzügler.

Nach der Pleite als Ladenbesitzer mietete mein Vater ein Atelier im Niederdorf und restaurierte dort alte Bauernschränke oder übermalte sie nach seinen eigenen Vorstellungen neu. Mit dieser Geschäftsidee war er in diesem Fall zu früh. Bemalte Schränke kamen erst Jahre später gross in Mode.



Nach dem zweiten Flop absolvierte er eine Umschulung zur seriösen Bürokraft. Danach nahm er eine Festanstellung in der Lohnbuchhaltung des Warenhauses Globus an.


Ende ohne Abgang

Wie sein Vater starb auch er mit 56 Jahren einen merkwürdigen Tod. Nachdem auch der Jüngste ins Berufsleben eingetreten war, wollten meine Eltern ins Tessin ziehen um dort ihren Lebensabend verbringen. Aber mein Vater bekam plötzlich eine schwere Herzkrise. Nach etwa drei Wochen ging es ihm wieder besser und der Hausarzt kam zum letzten Krankenbesuch.

Der Patient machte dem Arzt einen guten Eindruck, nur beklagte er sich über Zahnschmerzen. Der Doktor schaute ihm in den Mund, danach fragte er meine Mutter, ob sie eine Flachzange hätte. Bereitwillig brachte meine Mutter dem Arzt das gewünschte Werkzeug. Und ohne Anästhesie riss der Arzt dem herzkranken Patienten den Zahn aus. Diesen Schmerz überstand mein Vater nicht mehr und war auf der Stelle tot. 






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