Placebo - Nocebo
Es gibt eine Meta-Studie (Zusammenfassung verschiedener
Studien zum gleichen Thema) die zum Schluss kommt, dass 80% der handelsüblichen
Medikamente nicht besser als ein Placebo wirken. Folgt man dieser Studie kommt man
zum Schluss, dass weniger der Wirkstoff eines Pharmakons als die Affirmation (Bejahung,
Zustimmung, positive Wertung) den heilenden Effekt auslöst.
Eine andere Studie besagt, dass eine positive,
heilversprechende Einstellung gegenüber einer kritischen bis ablehnenden
Haltung zu einem Medikament, etwa 40% Wirkungsunterschied ausmacht.
Kopfwehtabletten helfen bei den meisten Menschen nach
10-15 Minuten, pharmaphysiologisch gesehen können die Wirkstoffe aber erst nach
ca. 30-60 Minuten anschlagen.
Also scheint die positive Affirmation die
Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren, wie es auch die Homöopathie
postuliert. So könnten auch Heilerfolge von Geistheilern und Schamanen erklärt
werden. Auch medizinisch erwiesene Spontanheilungen könnten durch psychisch
ausgelöste, körpereigene Aktivitäten entstehen.
Selbsterfüllende Prophezeiung
Es besteht eine grössere Wahrscheinlichkeit, dass Dinge eintreten, die man befürchtet. Der sogenannte Nocebo-Effekt ist im Bereich der negativen
gesundheitlichen Wirkung recht gut erforscht. Im Gegensatz zum Placebo- (placebo
«ich werde gefallen») wirkt sich der Nocebo-Effekt (nocebo «ich werde schaden»)
negativ aus. Das heisst, wenn man eine Krankheit befürchtet ist die Chance
deutlich höher, dass sie auch eintritt.
Desshalb sollte man die Rubrik «Nebenwirkungen» in Beipackzetteln von Medikamenten besser nicht lesen. Mit den endlosen Aufzählungen von möglichen unerwünschten Folgen wollen sich die Pharmahersteller nur gegen allfällige Klagen absichern. Zudem werden Nebenwirkungen die bei unter 10% der Patienten eintreten schon als «Häufig» bezeichnet.
Wenn aber
nach einer Medikamenteneinnahme eine nichtvorübergehende gesundheitliche
Störung aufträte, würde man so oder so zum Arzt gehen, und der wüsste dann ja
sicher, woher sie kommt.
Mittelalterliche Medizin
Noch heute sind sich die Medizinhistoriker uneins, ob die ärztlichen
Behandlungen im Mittelalter mehr genutzt oder mehr geschadet hätten. Ich bin
der Meinung, dass sie, obwohl ihrer oft fundamentlosen Grundlagen und
martialischen Ausführungen, dank des Placebo-Effekts den Patienten doch mehr
geholfen als geschadet haben.
Während des Mittelaters (500-1500 n. Ch.) hat in der Medizin eigentlich
kein Fortschritt stattgefunden. Die Kirche bildete die Mediziner nach den
Erkenntnissen des bereits vor tausend Jahren verstorbenen griechischen Arztes
Hippokrates von Kos (460-370 v. Chr.) und des sich hauptsächlich an Schweinen orientierenden
Anatomie des Galenos (123-199 n. Ch.) aus.
Forschung war verboten und Ärzte mussten im Beichtstuhl gestehen:
«Ob sie nach der Tradition oder etwa nach dem eigenen Kopfe praktiziert hätten».
Ein grosser Teil des Klerus war ohnehin der Meinung, dass Krankheit eine Strafe
Gottes sei und man Gott nicht ins Handwerk pfuschen solle. Und die Gesundung
die Gnade Gottes bezeuge.
Nonnen und Mönche, die in den vielen Klosterspitälern
arbeiteten, stellten sich hingegen auf den Standpunkt, dass es ein Gebot der
Nächstenliebe sei Kranken zu helfen.
Irrglaube Humoralmedizin
Die antike Viersäftelehre stand im Mittelpunkt der kirchlichen
Medizindoktrin. Die Wiederherstellung der Ausgewogenheit der vier Körpersäfte
Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle waren Grundlage jeder Therapie. Die
probaten Mittel waren also Aderlass und Klistier. Dabei wurde das kranke Blut
und der schlechte Darminhalt theatralisch abgelassen. Bei richtiger Affirmation
und bewusstem Erleben konnten diese Therapien durchaus eine Befreiung von der
Krankheit suggerieren und somit zur Heilung führen.
Der Bader als Doktor
Da die Kirche den Ärzten verbot Behandlungen bei denen Blut floss
selbst vorzunehmen, wurde die heikle Durchführung eines Aderlasses von Bader vorgenommen. Das Klistieren blieb den studierten Ärzten vorbehalten.
Die Bader waren ursprünglich Putzkräfte in den öffentlichen
Bädern. Im Laufe der Zeit begannen sie den Badegästen gelegentlich die Haare zu
schneiden und drückten ihnen auch mal einen Püggel aus. Das prädestinierte sie,
nach einer kurzen medizinischen Einführung, für den Aderlass und die häufigen Amputationen
verantwortlich zu sein. Aus ihnen erwuchs auch die Gilde der Wund- und Pestärzte.
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Ohne starke Affirmation war diese brutale Behandlung kaum zu
überstehen. Aber gerade dieses fast traumatische Erleben des Aderlasses verbunden
mit dem Glauben, dass nun böses, krankmachendes Blut abfloss, erhöhte die
Chance zu einem Placebo-Effekt und somit einem möglichen Heilungserfolg.
Schluckzettel
Billiger, unschädlicher und ebenso heilsam waren Fresszettel,
die noch bis in die 1970er Jahre in gewissen Klöstern unter dem Tisch hindurch verkauft
wurden.
Die verschiedenen abgebildeten Heiligen waren jeweils auf
eine bestimmte Krankheit spezialisiert. Man konnte aber auch einfach selber auf
ein Zettelchen schreiben wo es einem weh tut, das Zettelchen zusammenknüllen
und andächtig runterschlucken. Oft wurden die Schluckbildchen im Beisein eines Priesters
rituell eingenommen. Die geistlichen Projektionen förderten den Placebo-Effekt.
Phytotherapie
Bis in die späte Neuzeit wurden, neben Aderlass und Klistier,
Kräutertees nur am dritthäufigsten von den Ärzten verschrieben, obwohl die
Phytotherapie, was die Wirkstoffe betrifft, die einzige wirklich
krankheitsbezogene Therapie war.
Die Adlige Hildegard von Bingen (1098–1179) ist wohl die
bekannteste Exponentin der mittelalterlichen Phytotherapie. Sie war eine kluge,
charismatische, durchsetzungsfähige, experimentierfreudige und vielleicht sogar
raffinierte Person die sich als Sprachrohr Gottes empfand.
„Über dem Haupt stieg von dem Manne, der auf jenem Hügel
sass, eine solche Helle hernieder, dass ich sein Antlitz nicht sehen konnte.
Von demselben gingen viele lebendige Funken aus, welche die Gestalt mit grosser
Anmut umflogen.“ (Von der geistlichen Einsicht 1. Vision)
„Das überaus grosse Gebilde, rund und dunkel, einem Ei
ähnelnd, oben und unten zusammengeschnürt, in der Mitte breit, bedeutet
trefflich den allmächtigen Gott, der unbegreiflich ist, in seiner Majestät und
unschätzbar in seinen Geheimnissen.“ (Aus der geistlichen Einsicht 3. Vision)
Hildegards sehr bildliche Beschreibungen ihrer Visionen
interpretiert der Neurologe Oliver Sacks als Symptome einer schweren Migräne,
speziell aufgrund der von ihr geschilderten Lichterscheinungen. Sacks und
andere Mediziner gehen davon aus, dass Hildegard an einem relativen Skotom
litt, das diese halluzinatorischen Lichtphänomene hervorrief. Ein Flimmerskotom
kann – besonders wenn es im Rahmen der Migräne auftritt – von Übelkeit,
Erbrechen und Kopfschmerzen begleitet sein. Aus den Tagebüchern von Hildegard
geht hervor, dass sie oft unter diesen migränetypischen Symptomen litt und
desshalb gelegentlich auch bettlägerig war. Kein Tee konnte ihr helfen.
Mittelalterliche Forschung
Nie wurden Kräuter systematisch getestet. Es galten die
Erkenntnisse von Hippokrates, der nach morphologischen Gesichtspunkten die Kräuter
dem erkrankten Organ zuordnete. Die von ihm erkannten Heilwirkungen von z.B. Digitalis
zur Harmonisierung des Kreislaufes und die beruhigende Wirkung von Baldrian usw. sind
auch heute noch anerkannte Mittel.
Hildegard testete neue Teemischungen jeweils an zwei
Patienten mit verschiedenen Symptomen. Wurde einer der Beiden gesund, galt
diese Kräutermischung als die richtige Medizin bei diesen Symptomen . So wundert
es nicht, dass ihr Hauptwerk «Liber simplicis medicine» über 800 Heilkräuter-Rezepte
aufweist. Es scheint gegen Zahnwurm über Verrücktheit bis Impotenz für alles ein
Kraut gewachsen zu sein.
Die Heilkraft von Kräutern ist unbestritten. Doch auch die
Menge machts. Besonders bei psychotropen Stoffen. In der umfangreichen
Rezeptsammlung von Hildegard sucht man den Wirkstoff Digitalis vergebens.
Dieses seit Hippokrates bewährte Kreislauf-Therapeutikum löst bei Überdosierung
halluzinogene Rauschzustände aus. Obwohl Digitalis auch Kopfschmerzen und
Übelkeit auslösen kann, vermuten einige Medizinhistoriker Hildegard habe ihre
Migräne damit zu kurieren versucht und sei abhängig geworden. Nachdem sie sich
mühsam von der Sucht wieder befreit hatte, habe sie Digitalis aus ihrem Kopf gänzlich
gestrichen.
Ausführliche Semesterarbeit zum Thema: Glaube und Medizin im Mittelalter
Wirkung ohne Wirkstoff
Da es den Ärzten verboten ist ein Placebo zu verabreichen,
ohne den Patienten vorher darüber aufzuklären, experimentiert die Neurowissenschaftlerin
Prof. Dr. Ulrike Bingel am Universitätsklinikum
Essen neuerdings mit der sogenannten «Offenen Placebo-Abgabe».
Schmerzpatienten werden sowohl Schmerztabletten wie auch ein Placebo abgegeben.
Es obliegt nun dem Patienten, ob er das Scheinpräparat oder den Wirkstoff
anwendet. Auch im Wissen ein wirkungsloses Präparat einzunehmen ist der
Erfolg des Placebos verblüffend. Warum und wie der Placebo-Effekt wirkt ist
noch völlig unbekannt.
Placebo 2.0 – Die Macht der Erwartung. Prof. Dr. Ulrike Bingel / Prof. Dr. Manfred Schedlowski / Helga Kessler rüffer & rub Sachbuchverlag 2019.
Gespräch mit der Mitautorin Helga Kessler
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit
Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die
Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Kontakt alexander@jent.ch




