Schwarze Bohnen - Weisse Bohnen

Das Orakel von Delphi

 

Das Orakel von Delphi war eine als Heiligtum getarnte Geheimdienst-Agentur und zudem der grösste Finanzplatz der Antike. Eine Herde Ziegen gab dazu den Anstoss.

Einem Ziegenhirten, der seine Tiere täglich auf den Berg Parnass bei Delphi hinauftrieb, fiel auf, dass die Ziegen an einer bestimmten Stelle im Gelände immer laut meckerten, Freudensprünge machten und andere Kapriolen vollführten. Seine Neugier trieb ihn das Felsplateau zu erklimmen auf dem die Geissen jeweils einem Veitstanz verfielen. Kaum hatte er die Stelle erreicht und sich umgesehen fühlte er eine körperliche Leichtigkeit so, dass er fürchtete gleich abzuheben, zudem wechselte der Himmel fortlaufend in andere Regenbogenfarben, während die Bäume ihm mit ihren Ästen zuwinkten. Er fühlte eine grenzenlose Verbindung mit allem ihn Umgebenden und gleichzeitig mit seiner Seele. Die umstehenden Geissen grinsten ihn vielsagend an.

Damit war die Spalte die das Orakel ermöglichte gefunden. Aus der Felsspalte strömte nämlich ein Gas aus (ev. Ethen) das Halluzinationen auslöst. Schnell wurde ein Tempel gebaut und Rituale und Abläufe ausgedacht. Apollon zum Schutzgott gemacht und zudem behauptet, Delphi sei der Mittelpunkt der Welt. Zeus habe zwei Adler von je einem Ende der Welt aufsteigen lassen, die sich in Delphi getroffen hätten. Der genaue Ort wurde durch den Kultstein Omphalos (Nabel) angezeigt.

  

„Nabel der Welt“ Kopie aus dem Altertum

 

Sprechstunden des Orakels.

Von Anfang an unterschied man zwischen Honoratioren und dem gewöhnlichen Volk, das mit einem banalen Ja-Nein Orakel abgespeist wurde. Eine Priesterin griff in einen Sack voll Bohnen, erwischte sie eine Weisse hiess dies Ja - eine Schwarze folglich Nein.

Das Orakel war an jedem 7. des Monats für das Volk geöffnet. Doch noch bevor das Orakel sprach, bedurfte es eines Omens: Ein Oberpriester besprengte eine junge Ziege mit eisigem Wasser. Blieb das Tier ruhig, fiel das Orakel für diesen Tag aus, und die Ratsuchenden mussten einen Monat später wiederkommen. Zuckte das Geisslein jedoch zusammen, wurde es als Opfertier geschlachtet und auf dem Altar verbrannt. Nun konnten die Weissagungen beginnen.

Schon zuvor hatte sich die Pythia (Priesterin, nach der geflügelten Schlange benannt, die Voraussagen machen konnte) in der heiligen Quelle Kastalia nackt unter Aufsicht von zwei Priestern kultisch gereinigt.

 

Willige Informanten

Könige und Feldherren plauderten im Heiligtum ungehemmt über ihre politischen Absichten und kriegerischen Pläne oder stellten verräterische Fragen an das Orakel. So wussten die Delphi-Priester über alle sich anbahnenden Konflikte im Voraus bescheid. Sie hatten auch in allen Armeen Spione, die die Kampstärke der Truppe den Mönchen verrieten. Auch die Stimmung der Bevölkerung in den verschiedenen Königreichen wurden von Geheimagenten vor Ort nach Delphi übermittelt. Die delphische Priesterschaft verfügte damit wie kaum eine andere Personengruppe über geheime Informationen, konnte dazwischen Zusammenhänge herstellen und sicherlich auch auf diese Weise richtige Vorhersagen treffen, die durch Trancezustände allein nicht zu erklären wären.

 

 

Einzig die jungfräuliche Pythia durfte die halluzinogenen Gase inhalieren und in Trance Orakelsprüche an die anwesenden Oberpriester übermitteln. Der Fragesteller war von der Rauschszene ausgeschlossen. Die Priester des Apollon stellten dann mit ihren Geheimdienst-Informationen eine Wahrscheinlichkeitsrechnung an, packten sie, zusammen mit Eingebungen der Pythia, in ein Hexameter-Versmass und präsentierten dem Auftraggeber gegen hohes Entgelt den «Orakel-Spruch». Die getürkten Sprüche waren oft rätselhaft, fast verworren oder gar widersprüchlich und bedurften der Interpretation durch den Empfänger. So sicherte sich die delphische Priesterschaft gegen noch mögliche falsche Voraussagen ab. Eine fatale Fehlinterpretation des Orakel-Spruchs unterlief König Krösus die ihn sein ganzes Reich kostete.

 

Legendarische Orakel-Sprüche

Der Krösus-Test

Krösus, der sprichwörtlich reiche, letzte König von Lydien wollte die Zuverlässigkeit von sieben Orakeln prüfen (neben Delphi, das Orakel von Dodona, von Siwa usw.). Boten sollten am hundertsten Tag nach ihrer gleichzeitigen Abreise jedes der Orakel befragen, was Krösus gerade tue. Wie der Geschichtsschreiber Herodot berichtet, gab nur die Pythia von Delphi die richtige Antwort, und das wie üblich in einem wohlgesetzten Vers:

„Duft von Schildkröte ward mir bewusst, dem gepanzerten Tiere,

Die in ehernem Kessel gekocht wird, mit Stücken vom Lamm,

Erz ist darunter gelegt, und Erz wird ruh'n auf dem Kessel.“

Tatsächlich hatte Krösus, um etwas schwer Vorhersehbares zu tun, an diesem Tag ein Lamm zusammen mit einer Schildkröte in einem abgedeckten, eisernen Gefäss gekocht.

 

Trotzdem übel hereingefallen ist Krösus dann allerdings mit dem Orakel-Spruch bevor er gegen den Perserkönig Kyros II. aufbrach:

«Wenn Krösus den Fluss Halys überschreitet,

wird er ein grosses Reich zerstören».

     

Krösus, letzter König Lydiens                         Kyros II, der schlaue Perserkönig

 

Krösus bezog diese Weissagung eilfertig auf das feindliche Perserreich, gemeint war aber sein eigenes Königreich.  

Nach der verlorenen Schlacht gab der siegreiche Perserkönig den Befehl zu Verbrennung des unterlegenen Angreifers. Auf dem schon brennenden Scheiterhaufen erinnerte sich Krösus an Apollon, dessen Orakel-Spruch er falsch gedeutet hatte. Der totgeweihte Krösus flehte in seiner Not den Schutzgott von Delphi an, Apollon hatte Erbarmen mit dem Falschinterpreten und bewirkte rasch einen kräftigen Platzregen, so dass die Flammen erloschen. Auch König Kyros glaubte an eine göttliche Fügung und liess den Lyder-König vom Scheiterhaufen heruntersteigen und bot ihm seine Freundschaft an. 

 

Die Spenden des armen Bauern

Mit dem Orakel von Delphi verbindet sich auch eine Geschichte, die der biblischen Geschichte vom „Scherflein der Witwe“ inhaltlich verwandt ist: Ein reicher Kaufmann aus Magnesia wollte wissen, ob er die grössten Opferspenden dargebracht habe, und erfuhr, dass der arme Bauer Klearchos aus Arkadien durch seine lebenslangen, regelmässigen zwar bescheidenen Gaben weit mehr gespendet habe.

 

Ödipus

Dem Mythos zufolge prophezeite das Orakel dem König von Theben, Laios, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Daraufhin liess der König seinen neugeborenen Sohn in ferne Lande verbannen.

 

Oedipus Rex, Pier Paolo Pasolini (1967) 

Viele Jahre später begegnete König Laios eines Tages zufälligerweise an einer Wegekreuzung seinem Sohn Ödipus und hielt ihn für einen Strassenräuber. Er hetzte seine Garde auf den vermeidlichen Strauchdieb, doch dieser wehrte sich wild und erschlug mit einem Knüppel alle Angreifer inklusive des Königs, seines Vaters.

Anschliessend gelang es Ödipus, das Rätsel der Sphinx zu lösen und so Theben von ihrer tödlichen Umklammerung zu befreien. Zur Belohnung wurde er als Nachfolger des Laios zum König von Theben ernannt und bekam Iokaste, seine Mutter, zur Frau. Somit erfüllte sich auch die zweite Prophezeiung des apollonischen Orakels.

    

Ödipus löst das Rätsel der Sphinx  


Von ihrer Verwandtschaft nichts wissend, hatten die beiden offiziell Vermählten in der Folgezeit vier inzestuöse Kinder miteinander. Als nach einigen glücklichen Jahren in Theben eine Seuche ausbrach, verkündete das Orakel von Delphi: Um die Epidemie zu beenden müsse der Mörder des König Laios gefunden werden. Ödipus untersuchte persönlich den Fall und fand heraus, dass er selbst der gesuchte Mörder war und seine eigene Mutter geheiratet hatte. Daraufhin riss Ödipus eine goldene Fibel von Iokaste`s Gewand und stach sich damit die Augen aus. Iokaste seine Mutter/Frau beendete ihr Leben durch Strangulation mit ihrem losen Umhang.

 

Alexander der Grosse

soll 335 v. Chr. in Delphi im Hinblick auf seinen geplanten Perserfeldzug um Rat gebeten haben, doch die Pythia vertröstete ihn: Das Orakel finde nur zu den von den Göttern bestimmten Zeiten statt. Wütend und unwillig zu warten, soll er die Priesterin mit Gewalt an den Haaren in den Tempel gezerrt haben. Daraufhin soll die Gepeinigte gerufen haben: „Lass ab von mir, du bist doch unüberwindlich, Junge!“. Darauf Alexander: „Jetzt habe ich meine Antwort!“ und endlich die arme Pythia losgelassen haben.


Sokrates

Berühmt ist auch die Antwort, die der Athener Chairephon auf die Frage erhielt, ob es einen weiseren Menschen als Sokrates gebe. Das delphische Orakel entschied, dass kein Mensch weiser als Sokrates sei. Die Priester erklärten diese Antwort damit, dass Sokrates sich stets bewusst sei, dass er sich nichts wirklich gewiss sei, und genau dies sei die Voraussetzung für die Erlangung von Weisheit.




Kaiser Julian

Den letzten Orakelspruch erteilte die Pythia angeblich 362 n. Chr. dem Arzt Oreibasios, der es im Auftrag des heidnischen, römischen Kaisers Julian aufsuchte. Er wollte wissen, ob das Orakel von Delphi in einer Welt noch Zukunft habe, die sich vermehrt dem Christentum zuwende, worauf Pythia geantwortet haben soll:

„Künde dem Kaiser, das schöngefügte Haus ist gefallen.

Phoibos Apollon besitzt keine Zuflucht mehr, der heilige Lorbeer verwelkt,

seine Quellen schweigen für immer, verstummt ist das Murmeln des Wassers.“

Sicher unecht diese Kolportage der alten Kirchenväter, eine christliche Fiktion. Eine solche Bankrotterklärung hätte sich das Orakel von Delphi kaum selbst ausgestellt.

 

Die Kirchenväter - altrussische Sammelhandschrift «Isbornik Swjatoslaws» (1073)


Die nachhaltigen Epigramme von Delphi


Eigentlich hätte man in Delphi das Beste gratis haben können. Schon die Inschriften am Eingangstor wären eine Pilgerreise nach Delphi wert gewesen. „Erkenne dich selbst“ hat als Sinnspruch bis heute überlebt. Allerdings meinte er damals nicht: führe eine psychoanalytische Introspektion durch, sondern das Erkennen des ureigenen Wesenskerns, der Seele, der Anima war gemeint. Die Erkenntnis der „Innenwelt“ sollte als Zugang zur Problemlösung in der „Aussenwelt“ dienen.



 

Mit dem Ausruf «Du bist», einer weiteren Inschrift am delphischen Tempeltor, wurde anfänglich die Anwesenheit der unsichtbaren Götter von den Gläubigen bestätigt. Erst später wurde er zur Erkenntnis und Anerkennung der eigenen Existenz umgedeutet.

 „Alles in richtigen Massen“. Das rechte Mass steht für eine Grundfigur antiken griechischen Denkens, die neben der platonischen Seinslehre bis zur aristotelischen Tugendethik auch die Musik, die Mathematik, die Medizin, die Lebensführung und viele andere Bereiche erfasste.

 

Finanzplatz Delphi

Das Orakel von Delphi hatte einen beträchtlichen Einfluss gewonnen und entwickelte sich zu einem bedeutenden politischen Faktor. Bald wurden zudem Schatzhäuser errichtet, in denen die zahlreichen kostbaren Weihegeschenke an den delphischen Schutzgott Apollon ausgestellt wurden. Die Bauten waren Prestigeobjekte und wurden immer reicher ausgestattet. Nicht zuletzt aufgrund dieser Schätze war die Kontrolle über das Heiligtum von Delphi von erheblicher Bedeutung.

Delphi wurde im Laufe der Jahrhunderte von folgenden Mächten beherrscht: Krisa, Thessalern, Sikyonern, Athenern, Amphiktyonen, Eurylochos, Macedonier und dem Aitolischen Bund.

 

Schatzhaus der Athener


Die «Heilige Strasse» zum Orakel war von unzähligen Schatzhäusern der griechischen Städte, ausländischen Königreichen und solventen Gönnern gesäumt.  Auch wurden grosse Geldsummen den Mönchen zur diebstalsicheren Aufbewahrung anvertraut, mit denen sie aber ungehemmt lukrative Kreditgeschäfte abwickelten.

Das Heiligtum blieb bis zum Verbot der heidnischen Kulte durch den römischen Kaiser Theodosius I. im Jahr 392 n. Chr. eine vielbesuchte Pilgerstätte.

 

Tempelsterben

Die vielen Tempel im Lande schrieben rote Zahlen. Die klassischen Walfahrtsorte litten unter dem Aufkommen von unterhaltsamen Orakeln und atheistischer Philosophie-Schulen. Die Zahl ihrer Besucher ging rapide zurück. Also sannen die Tempel-Mönche nach Attraktionen die wieder mehr Pilger anziehen sollten.

Der geniale Star Special-Effect-Designer der Antike Heron von Alexandria fand offensichtlich Gefallen an der Aufgabe Wunderapparate für Tempel zu erfinden. Als erste Geldquelle konstruierte er einen Weihwasserautomaten. In seinem Werk Pneumatika („Buch der Pneumatik und Hydraulik“) beschrieb er genauestens die Funktionsweise der Konstruktion. Dabei lag eine Holzscheibe auf der Wasseroberfläche des Weihwassers. Sobald eine Münze eingeworfen wurde, drückte deren Gewicht das geweihte Nass durch ein Metallrohr nach oben, wo es vom Gläubigen in Empfang genommen werden konnte.

Sich selbst-bewegende Dinge hatte zu der Zeit noch niemand gesehen. Heron erfand die sich automatisch öffnenden Tempeltore, er liess Göttinnen Blut weinen, Puppen im Kreis tanzen und Zeus wie leibhaftig durch den Tempel schweben, was ungläubiges Staunen unter den Gläubigen auslöste.



Aber die grösste Sensation löste sein mit raffinierten Spezialeffekten ausgestattetes automatisches Theater aus, zu dem neben wechselnden Kulissen, bewegten Schauspielern, selbstentzündenden Feuern auch Geräuschmaschinen gehörten. Bewegt wurde alles über Dutzende Schnüre, getrieben von Gewichten und sich langsam füllenden, oder entleerenden Wasserbehältern.





Seine vielleicht wichtigste Erfindung wäre die erste bekannte und dokumentierte Wärmekraftmaschine der Geschichte gewesen. Der «Heronsball» wurde jedoch vom verspielten Künstler nicht als möglichen Antrieb durch Dampf erkannt und weiterentwickelt, sondern blieb ein viel bestauntes Kuriosum.

 



Der untere Teil der Maschine ist ein geschlossener Wasserkessel, der von unten mit einer offenen Flamme beheizt wird. Oben befindet sich eine Kugel, die in ihrer Halterung drehbar gelagert ist und an der zwei gegenseitig gebogene Austrittsdüsen angebracht sind. Eine Halterung dient als Rohr, durch das aus dem unteren Becken Wasserdampf in die Kugel stösst und sie durch die beiden Düsen verlässt. Dabei entsteht ein Rückstoss, der die Kugel in Drehung versetzt.

Erst rund anderthalb Jahrtausende später wurde in Frankreich und England Dampf zur Erzeugung von Drehenergie eingesetzt. Auch viele andere Errungenschaften der Antke gingen im Mittelalter verloren, so unter anderem das Zahnradgetriebe (Uhr) die Bodenheizung und das Wasser-Closett mussten wieder-erfunden werden.

 

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