Das Vier-Ohren-Modell
Der bekannte deutsche Kommunikationspsychologe
Friedemann Schulz von Thun hat ein schlüssiges Dialogkonzept entworfen: Alles Gesprochene enthält vier
Ebenen - Alles Gehörte auch.
Jede gesprochene Mitteilung (Nachricht) enthält eine «Sachebene»,
aber wir zeigen gleichzeitig auf der Ebene der «Selbstkundgabe», auch wer wir
sind, zudem zeigen wir auf der «Beziehungsebene», was wir vom anderen halten und
einen «Appell» sprechen wir auch noch aus, denn wir wollen auch etwas vom
Dialogpartner.
Dieses Muster wird aber von den verschiedenen
Persönlichkeiten unterschiedlich gewoben. Schulz von Thun unterscheidet acht
Kommunikationsstile:
Der bedürftig-abhängige Stil
Der helfende Stil
Der selbst-lose Stil
Der aggressiv-entwertende Stil
Der sich beweisende Stil
Der bestimmende-kontrollierende Stil
Der sich distanzierende Stil
Der mitteilungsfreudig-dramatisierende Stil
Japaner kommunizieren anders
Die Dialogform ist in den verschiedenen Kulturen sehr
unterschiedlich. Die euro-amerikanische Dialogstruktur basiert auf Argument und
Gegenargument. Während in Asien Hinweise gesendet werden, damit der
Angesprochene selbst auf den gleichen Gedanken kommt (indirekte
Kommunikation), dadurch kann absolutes Einverständnis entstehen und das ohne
möglichen Gesichtsverlust.
In Japan werden Person und Sache als Einheit betrachtet. Die
Ablehnung einer Sache geht daher mit der Ablehnung der Person einher. Dies
stört jedoch die in Japan ausserordentlich wichtige persönliche Beziehung, also
wird es unterlassen durch Verneinung den anderen herabzusetzen. Scheinbar
nachdenklich lehnt der Japaner dann gerne ein Argument mit den Worten: „Eine sehr interessante Idee…“ ab. Das Wort Nein (iie)
wird fast nur für die Beantwortung von ja/nein-Fragebogen verwendet.
Ich kenne die Art und Weise der Entscheidungsfindung der
Japaner aus eigener Erfahrung (Erfolge beim Film). Japaner legen ihre Meinung
in beinahe entschuldigendem Tonfall, leise, ohne jede Profilierungssucht dar.
Den Angesprochenen lässt man Zeit die Sache sacken zu lassen. Schweigen
bedeutet nicht, dass der andere keine Antwort weiss, sondern, dass er sich die
Sache ernsthaft überlegt, bevor er sagt: „Eine sehr interessante Idee…“.
Die diametrale Metapherisierung der Japaner erreicht wohl
ihren Höhepunkt im Ausspruch «kisama» etwa «Ehrenwerter hochverehrter Herr», es
bedeutet in heutiger Verwendung «du Arschloch».
Die vier Ebenen einer Nachricht
Bei diesem auf Wortinhalte beschränkten Kommunikationsmodell
fehlen zwar die wichtigen nonverbalen Aspekte wie Tonfall, Gestik und Mimik trotzdem
zeigt uns das Dialogkonzept von Schulz von Thun in wichtigen Teilen wie wir
miteinander reden.
Jede Äusserungen enthält, ob man will oder nicht, vier
Botschaften gleichzeitig, die aus vier unterschiedlichen Richtungen analysiert
werden können:
Der Sachaspekt meint die beschriebene Sache, den
„Sachinhalt“, „Worüber ich informiere“.
Die Selbstaussage ist dasjenige, was anhand der Nachricht
über den Sprecher deutlich wird, die „Ich-Botschaft” auch „Selbstoffenbarung“
genannt oder einfach: „Was ich von mir selbst damit kundgebe“.
Der Beziehungsaspekt zeigt was an der Art der Nachricht über
die Beziehung offenbart wird - „Was ich von dir halte oder wie wir zueinanderstehen“.
Der Appell bedeutet dasjenige, zu dem der Empfänger
veranlasst werden soll. „Wozu ich dich bewegen möchte“
Auf diese Weise kann die „Nachricht als Gegenstand der
Kommunikationsdiagnose“ verwendet werden. Störungen und Konflikte kommen
zustande, wenn Sender und Empfänger die vier Ebenen unterschiedlich gewichten und
deuten. Das führt zu Missverständnissen und in der Folge zu Konflikten.
Beispiel:
Ein Paar im Auto vor der Ampel. Die Frau sitzt am Steuer,
und der Mann sagt „Du, die Ampel ist grün!“ Die Frau antwortet: „Fährst du oder fahre ich?“
Die Äusserung kann in dieser Situation auf den vier Ebenen
folgendermassen verstanden werden:
als Hinweis auf die Ampel, die gerade auf Grün geschaltet
hat (Sachebene);
als Absicht des Beifahrers, der Frau am Steuer zu helfen,
oder auch als Demonstration der Überlegenheit des Beifahrers über die Frau
(Beziehungsebene);
als Hinweis darauf, dass der Beifahrer es eilig hat und
ungeduldig ist (Selbstkundgabe).
als Aufforderung loszufahren (Appell-Ebene),
So kann der Beifahrer das Gewicht der Nachricht auf den
Appell (losfahren) gelegt haben. Aber die Fahrerin könnte hingegen die Aussage
als Herabsetzung oder Bevormundung auffassen und entsprechend reagieren („Fährst
du oder fahre ich?“).
Als Gegenstück zum «Vier Ebenen Modell» postuliert Schulz
von Thun das „Vier-Ohren-Modell“. Je ein Ohr steht für die Deutung einer der
Aspekte: Das „Sach-Ohr“, das „Beziehungs-Ohr“, das „Selbstoffenbarungs-Ohr“ und
das „Appell-Ohr“.
Je nach dem welches der Ohren gerade auf Empfang steht,
werden die Nachrichten gewichtet und interpretiert.
Mit dem „Sach-Ohr“ prüft der Hörer die Nachricht mit den
Kriterien der Wahrheit (wahr/unwahr) und der Relevanz (von Belang/belanglos).
Das „Selbstkundgabe-Ohr“ hört auf gewollte wie auch unbewusste,
unfreiwillige Selbstenthüllungen des Sprechenden, die zur Deutung über dessen momentane
Verfassung informieren oder die Persönlichkeit aufzeigen.
„Beziehungs-Ohr“ beurteilt, wie der Sprecher und der Hörer
sich zueinander verhalten und wie sie sich einschätzen. Abhängig davon, was der
Hörer im „Beziehungs-Ohr“ wahrnimmt, fühlt er sich entweder akzeptiert oder
herabgesetzt, respektiert, bevormundet oder geliebt.
Das „Appell-Ohr“ ortet offene oder verdeckte Aufforderungen,
etwas zu tun oder zu unterlassen.
Alle diese Beurteilungen geschehen meist unbewusst, intuitiv,
spontan, wie auch die darauffolgenden Reaktionen vom Unterbewusstsein gesteuert
werden. Die aus diesem Prozess hervorgegangenen Umdeutungen fördern die
Anfälligkeit für zwischenmenschliche Verstrickungen.
Um missverständliche Kommunikation auf den verschiedenen
Ebenen zu beschreiben, bringt Schulz von Thun als Beispiel folgende Situation:
Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen. Der Mann bemerkt Kapern in der
Sosse und fragt: „Was ist das Grüne in der Sosse?“ Er meint damit auf den verschiedenen
Ebenen:
Sachebene: Da ist etwas
Grünes.
Selbstoffenbarung: Ich
kenne es nicht.
Beziehung: Du wirst es
wissen.
Appell: Sag mir,
was es ist?
Die Frau versteht den Mann auf den verschiedenen Ebenen des „Vier-Ohren-Models“
aber folgendermassen:
Sachebene: Da ist etwas
Grünes.
Selbstoffenbarung: Mir
schmeckt das Essen nicht.
Beziehung: Du bist
eine schlechte Köchin!
Appell: Lass das
nächste Mal das Grüne weg!
Die Frau antwortet nun gereizt: „Mein Gott, wenn es dir hier
nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen!“
Provokation durch Unvereinbarkeit
Nachrichten können als kongruent oder inkongruent angesehen
werden. Kongruent sind Nachrichten, wenn sie in sich stimmig sind, wenn also
alle Signale auf allen Ebenen und die situativen Komponenten kompatibel sind.
Von inkongruenten Nachrichten spricht man, wenn sprachliche und
nichtsprachliche Signale widersprüchlich sind.
Wie wenn zum Beispiel jemand im Mantel mit hochgeschlagenem
Kragen einen Raum betritt und auf der Sachebene sagt: «Es ist sehr heiss hier
drinnen», oder auf der Ebene der Selbstoffenbarung: „Ich schäme mich“, während
er sein Gegenüber unverfroren mustert, wenn jemand auf der Beziehungsebene Sympathie
bekundet, aber deutlich Distanz hält, oder einer der als Appell nach Bier ruft,
während noch einige volle Flaschen neben ihm auf dem Tisch stehen.
In letzterem Fall taxiert die Sachebene die Nachricht sofort
als unwahr.
Das Beziehungs-Ohr hört: er will mich provozieren, er meint
ich sei seine Dienerin, er will mich schikanieren.
Das Selbstoffenbarungs-Ohr stellt fest: Er ist total
betrunken, jetzt zeigt er sich ungeschminkt oder er ist ja alkoholabhängig.
Appell: tu ungefragt was ich sage, ich bin der Chef
Durch richtiges Zuhören zu Konsens
Japaner sagen während man zu ihnen spricht häufig
fortlaufend «Hei,hei…» eine Form von Ja. Damit bekunden sie aber nicht Zustimmung,
sondern zeigen so absolute Aufmerksamkeit ihrem Gegenüber. Im Gegensatz dazu
bereiten wir im Westen häufig noch während der andere seine Nachricht vorträgt
innerlich die Replik vor. Und hören deshalb häufig dem Sprechenden gar nicht
richtig zu, nehmen sein Anliegen, seine Idee, seinen Wunsch von vornherein gar
nicht voll wahr.
Idealtypisch geht der Japaner beim Zuhören in eine innere
Leere, unabhängig von eigenen Gedanken lässt er die Worte in sich hineinfallen.
Erst in der Sprechpause vergleicht er es mit seinem eigenen Standpunkt, falls
er nicht durch das ungefilterte Zuhören schon zur gleichen Überzeugung gekommen
ist.
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden. Band 1:
Störungen und Klärungen. Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Rowohlt, ISBN 3-499-17489-8.
Schulz von Thun Institut für Kommunikation, Hamburg
https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
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