Vanitas - Abbild des Scheiterns

 

Der niederländische Maler David Bailly (1584–1657) hat ein zeitloses, vielschichtiges Vanitas-Gemälde geschaffen. In geheimnisvoller Symbolik zeigt das Bild: Jugend und Alter, Liebe und Qual, Luxus und Vergänglichkeit, Sehnsucht und Trauer, Irdisches und Überirdisches, Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod.

Der Begriff Vanitas leitet sich aus dem Lateinischen ab für: „leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit“; auch Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit.

 

Im Einflussgebiet der damals führenden Universitätsstadt Leiden entstanden im 17. Jahrhundert zeitlose Vanitas-Darstellungen. Vor dem Hintergrund grassierender Seuchen, nicht enden wollender Gräuel der Religionskriege (30-jähriger Krieg), endloser Flüchtlingsströme und gleichzeitig bombastischer Prachtentfaltung an Höfen und auch in Bürgerhäusern wirken die Vanitas-Bilder als zeitkritischer Ausdruck der Künstler. Zudem fordern sie vom Betrachter aktive gedankliche Teilnahme – auch im Sinne einer moralischen Reflexion über sich selbst.

Die komplexe Bildsprache der Vanitas Darstellungen waren den zeitgenössischen Betrachtern geläufig. Die Maler dieser symbolhaften Bilder dachten wie ihr Publikum in Analogien: So wie Salz dem Menschen lebensnotwendig ist, so ist Christus notwendig für das Seelenheil also: Salz steht für Christus.

Auf Vanitas Bildern ist nichts das was es vordergründig zu sein scheint. Unter Kunsthistorikern witzelt man, dass das Bild «Ceci n’est pas une pipe» (Dies ist keine Pfeife) von René Magritte das Grundprinzip zum aufschlüsseln des Vanitas-Bildinhalts ist. 




Die entlarvenden Bilder lösten die mittelalterlichen Narren ab. Hofnarren sollten ihren Herrscher an die Vergänglichkeit des menschlichen Eigensinns erinnern. Sie durften das Lächerliche und Ungehörige darstellen, weil sie selbst lächerlich und ungehörig waren.

Vanitas-Motive haben eine traditionelle Gemeinsamkeit, sie sollen zeigen, dass der Mensch keine Macht über das Leben hat. Aus der Perspektive der Vanitas-Rhetorik ist ein gottgewolltes Werden und Vergehen etwas naturgegebenes. Der Zwiespalt zwischen menschlicher Demut und menschlichem Eigensinn zeigt sich in den allegorischen Bildern deutlich.

 

David Bailly, Selbstbildnis mit Vanitassymbolen, 1651

 

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Vanitas Bilder zeigen normalerweise die Abwesenheit einer Person, so als sei sie soeben  von uns gegangen. Der 67 jährige David Bailly stellt sich auf dem Bild als jungen Mann dar. Selbstbewusst mit forderndem Blick und auch einer etwas neunmalklugen Attitüde. Grossbürgerlich gekleidet sitz er auf einem stabilen Stuhl mit Rückenlehne.

In der Rechten hält er einen Zeigestock (evt. auch Malhilfe zum Auflegen der Hand). Mit der Linken präsentiert er ein Bildnis seines Vaters. Daneben hinter der erloschenen Kerze ein Portrait seiner früh verstorbenen Frau Aertje, die hinten an der russgeschwärzten Wand als Epiphanie nochmals, auf den ersten Blick kaum sichtbar, lebensgross erscheint. Traurig schaut sie zum in gleissendem Licht an einen Baum gefesselten Hl. Sebastian, Patron der Sterbenden, der sich schmerzgekrümmt von den Fesseln zu lösen versucht. Der Hl. Sebastian, die verstorbene Ehefrau und der jugendliche Bailly sind die drei hellsten Objekte des Bildes, was ihre Zusammengehörigkeit deutlich macht.

Die geöffnete fein ziselierte Dose mit bombiertem, spiegelndem Deckel vor Aertje`s Portrait verkörpert das weibliche Prinzip der Sexualität. Das Messer mit dem weissen Griff gilt als Phallussymbol und ist eine verdeckte Darstellung der männlichen Sexualität. David Bailly und Aertje Witsen verband augenscheinlich eine grosse Liebe.

 

Die scharfe Kante der Rückwand teilt Licht und Schatten, der sich immer mehr abdunkelnd in einen unbekannten Raum führt der vom letzten Vorhang, der nur von einer unsichtbaren Schlaufe zurückgehalten, verdeckt wird. Auf der Lichtseite hängt eine Abzeichnung von Frans Hals «Der fröhliche Lautenspieler», darunter eine unbenutzte Palette. Sie könnte darauf hinweisen, dass Bailly sich weniger als Maler, sondern eher als Aufklärer  verstand (Zeigestock). Auch Pinsel oder Farben fehlen auf dem Bild. 


Auf der Schattenseite hält ein Apostel den jungen Mann fest im Blick.

 

Die zurückgeschobene Tischdecke gibt die scharfkantige Tafel frei. Die harte Wirklichkeit wird durch eine schillernde Taftdecke verhüllt.

 

Das umgekippte Glas symbolisiert die Unbeständigkeit irdischen Glücks.

 

Gold und Silber Münzen (mit Krückenkreuz Prägung, wohl spanische «Pistolen» herausgegeben von Ferdinand dem Katholischen) sie zeugen von materiellem Wohlstand, der als äusseres Zeichen für das Auserwähltsein und für Gottes Segen gilt.

 

Der mit Heilkräutern und wohlriechenden Duftstoffen gefüllte kugelige Bisamapfel, soll gegen den Schwarzen Tod (Pest) schützen und gute Luft verbreiten.

 

Metapher der Flöte: Die Musik ist vorbei, der Spieler verschwunden, der Klang unzurückholbar verklungen, das Instrument nur noch ein Zeichen des Fehlens.

 

Die Papierrolle kann zukünftige Pläne oder Verträge beinhalten.

 

Perlen verkörpern Vollkommenheit und Reinheit, aber auch Selbstverliebtheit und die Todsünde der Hoffart. Ebenso thematisieren Perlen Colliers die weibliche Anziehungskraft aber gleichzeitig die Abwesenheit der Geschmückten.

 

Die langstielige, zerbrechliche Meerschaum-Pfeife ist ein Zeichen für momentanen, flüchtigen Genuss.

 

Bücher symbolisieren Gelehrsamkeit können aber auch ein Zeichen von Hochmut sein.

 

Am Tischrand klebt ein ungelesener Brief die vorbestimmte aber unbekannte Zukunft symbolisierend und ein Zitat aus dem Kohelet, einem Buch der Weisheit aus dem Alten Testament. Die Erkenntnis, dass mit dem Tod letztendlich jede Errungenschaft des Lebens ausgelöscht wird und angesichts einer ungewissen Zukunft empfiehlt das Buch Kohelet: das Gute im Leben als Gottes Gabe zu geniessen. Weit nüchterner schreibt Bailly auf den Zettel: Alles ist Eitelkeit, Nichtigkeit und Vergeblichkeit.

 

Die silberne Statuette zeigt ein Boot in Seenot, das zudem von zwei geflügelten Seeungeheuern angegriffen wird. Ein Meereskind balanciert die gefährliche Szene auf dem Kopf. Auch sein wallendes Gewand stellt die unberechenbaren Wogen des Lebens dar.

 

Der menschliche Schädel ist jetzt genauso leblos, wie die ihn umgeben Objekte.

 

Die Sanduhr ist wohl das bekannteste Symbol der zerrinnenden Zeit. Zudem wurde Zeit zunehmend messbar und im Zug der wirtschaftlichen Entwicklung auch zu einem Wertgegenstand.

 

Blumen stehen für Vitalität und Schönheit. Blühende Zweige sind jedoch zum Verwelken verurteilt. Schnittblumen sind dem Tod geweiht. Sie sind Symbole der Vergänglichkeit und der Hinfälligkeit der irdischen Eitelkeit. 

Aber die Rose als Blume der Venus verkörpert Liebe und Sexualität. Die Pfingst-Rose galt als „Rose ohne Dornen“. Der Krug in dem die gefüllten Rosen stehen kann ein Sinnbild der Jungfräulichkeit sein.

 

Die kindliche Büste mit blinden Augen und entblösster Brust ist schwer zu deuten. Sie kommt in der Ikonographie der Vanitas so nicht vor. Vielleicht weist sie auf ein verstobenes Kind hin (gleiche schräge Kopfhaltung wie "Mutter" und "Vater").

 

Die elegante, übergrosse Champagner-Flute steht für Luxus. Die durchscheinende Klarheit des Glases hinter der sich die Geisterprojektion von Aertje verbirgt bedeutet - Keuschheit. 

Im Verständnis der calvinistisch geprägten Niederländer des Barocks ist Luxus die wohlverdiente Belohnung des Rechtschaffenen und Frommen. 

 

Seifenblasen platzen plötzlich, unverhofft wie der Tod kommt und die irdische Existenz beendet. Ihre ideale Form und die schillernde Oberfläche sind aber auch Metaphern sowohl für Schönheit wie Vergänglichkeit.

 

Fehlende Symbole

Auffällig ist, dass keine der üblichen Symbole der Wiederauferstehung und des ewigen Lebens nach dem Tod wie Vogeleier, Kornähren, Lorbeer oder Efeu vorhanden sind. 

Auch keine Nautilus Muschel die unvergängliche Schönheit nach dem Tod symbolisiert findet sich.

Offensichtlich glaubte David Bailly nicht an Hippokrates’ Ausspruch „Das Leben ist kurz, die Kunst überdauert lang.“




Nautilus Muschel, Vanitas von Willem van Aelst

 

Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.


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