Gibt es ein Ich?
Das "Ich" ist ein unabdingbarer Bestandteil der Persönlichkeit
und ist zur Selbstbehauptung unerlässlich. Es grenzt uns aber auch vom Ganzen
ab und verhindert die unvoreingenommene Wahrnehmung der Dinge.
Das "Ich" kann auch mit den neusten, bildgebenden Verfahren im
Gehirn nicht lokalisiert werden. Es ist also ein immaterielles Konstrukt
verschiedener Hirnareale.
Alle prägenden Persönlichkeitsentwicklungsstufen subsumieren
sich in einem hypothetischen "Ich". Also die genetischen, prä- und postnatalen Einflüsse
bestimmen, wie ich mich selbst wahrnehme und wie ich auf die Umstände des
Lebens reagiere.
Die Ich-Vorstellung entwickelt sich erst im Kindesalter (Sarah Bernhard: Entwicklung der Selbstwahrnehmung im Kindesalter) . Das Ich ist also bei der Geburt und in den ersten Lebensmonaten
Grenzen der Wahrnehmung durch das "Ich"
Alles was über die beschränkte Vorstellungskraft des Ich hinaus
geht kann nicht erkannt werden.
Die Hawaiianer die nur Kanus und Surfbretter kannten,
konnten die riesigen Segelschiffe von Kapitän Cook lange gar nicht erkennen, da
es sie in ihrer Vorstellung gar nicht geben konnte.
Menschen im abgelegenen Tibet die bisher lediglich
Darstellungen von Buddha gesehen hatten, wurden Fotos von Hühnern gezeigt.
Obwohl sie selbst Hühner hielten, konnten sie die Tiere auf den Fotos nicht
erkennen, weil die Bewegung und das Gegacker fehlte welche ihr Gehirn als
Attribute von Hühnern vorgab.
Wir haben als Kleinkinder beim Anschauen von Bilderbüchlein
irgendwann gecheckt, dass die Zeichnungen abstrahierte Momentaufnahmen des
bewegten Lebens sind.
Mögliche situative Verminderung der Ich-Dominanz
Es gibt Gelegenheiten, bei denen bei vielen Menschen die Ich-Präsenz
etwas zurücktritt. Zum Beispiel bei anstrengender, rhythmischer Körperaktivität
wie beim Joggen, beim Beobachten und Knuddeln von Hundewelpen und Kleinkindern,
in der Erotik und Sexualität, beim Musizieren, bei Naturbetrachtungen, bei kindlichem Staunen
und anderen basalen Sinnhaftigkeiten.
Diese Erfahrungen zeigen, dass die Hierarchie des "Ich" und
des Nicht-Ich beweglich und nicht starr ist.
Out of Ego
Wer schon einmal probiert hat zu meditieren hat schnell
gemerkt, dass sich die Gedanken nicht einfach abstellen lassen. Obwohl man
keine Gedanken haben will, wird man fortlaufend von banalem Hirngeschwätz
behämmert. Ein deutliches Zeichen der Dominanz des Denkapparates über unser Wollen.
Der Zen-Buddhismus rät die Gedanken wie Wolken vorüberziehen
zu lassen, und sich somit nicht mehr mit dem Denken zu identifizieren, sowenig
man im Normalfall jeder vorüberziehenden Wolke nachschaut.
Zen hat noch andere skurrile Methoden hervorgebracht, um
sich dem ureigenen Wesen zu nähern. So etwa die Aufforderung mit den Ohren zu
sehen oder sich zu fragen: Wer schaut eigentlich aus meinen Augen. Diese
Übungen müssen aber in voller Konzentration und ohne jeden Zweifel ausgeführt werden,
um Ich-Grenzüberschreitungen vorzubereiten.
Auch die Du-Meditation wirkt absurd, wenn das diktatorische "Ich" bittend eine scheinbar nicht vorhandene innere Instanz anruft.
Die den Intellekt aufbrechende Aufgabe ein unlösbares Paradoxon
zu enträtseln (Zb. Hörst du das Klatschen einer Hand) überwindet die Grenze der
Logik des Ich und lässt vermuten, dass dahinter noch Unbekanntes verborgen sein
könnte.
Das Unmögliche für möglich halten treibt einem entweder in
den Wahnsinn oder zu höherer Einsicht.
«Erleuchtung in 3 Tagen»
Unter diesem Titel wurde in den 80ern Workshops in San Francisco angeboten. Benutzt wurde die synthetische Substanz MDMA (Angel Dust), ein wahrer Herzöffner. Kurz nach der Einnahme der Droge fallen einige Ich-Beschränkungen ab . Eine ganz enge Verbindung zu den Mitmenschen entsteht. Das Ich-Gefühl wird weich und es kommt wieder das Wir-Gefühl hoch. Körperkontakt mit Fremden wird zum Bedürfnis.
Man hat nach diesem Wochenende zwar eine interessente Selbst-Erfahrung
gemacht, ist aber immer noch der alte.
Das Wesenhafte erkennen
Was dem "Ich" unvorstellbar ist kann auch nicht erkannt und
noch weniger angestrebt werden.
Der Neuro-Psychologe Prof. Gerhard Roth sagt, dass wir eine
höhere Verstandesebene bräuchten, um unser eigenes und das Wesen der Dinge zu
erkennen. Um einen Gegenstand zu erforschen, braucht es eine höhere Metaebene.
Das heisst ein Mensch kann einen Frosch wissenschaftlich untersuchen, der
Frosch aber nicht den Menschen.
Albert Einstein gestand, dass er zwar die Gravitation in
eine Formel zwingen kann, aber deren Wesen nicht erkennen kann.
Gelingt aber nur ein kurzer Ausflug aus der Ich-Illusion heraus, hebt sich die sogenannte Objekt-Subjekt Diskriminierung auf und das Wesen der Dinge wird sichtbar. Nicht mehr Ich sehe den Baum, sondern nur noch «Baum». Das Baumhafte des Baumes zeigt sich dann in seinem ganzen Wesen überdeutlich (Martin Heidegger: Sein und Zeit). Nicht nur die sichtbare Oberfläche wird wahrgenommen, sondern der Ausdruck des Ganzen.
Gefährliche Ein-sichten
Gäbe es eine Seele oder wären wir alle nach dem Ebenbild
Gottes geschaffen und wäre dies allen Menschen gleich eigen, könnten wir dieses
ja nur erfahren unter Aufgabe unseres individuellen "Ichs". Da aber die Abkehr von
der Ich-Illusion Lebensgefahr bedeutet ist es praktisch unmöglich die
psychischen Widerstände zu durchbrechen. Man müsste also bereit sein sein Leben
aufzugeben, um sein wahres Sein zu erfahren. Es käme aber bei diesem Prozess zu
einer schweren psychischen Destabilisierung, die durchgestanden werden müsste,
um nach der aufwühlenden Erfahrung des ureigenen Wesenskerns dem alten,
funktionalen Ich neu eine untergeordnete Rolle zuzuweisen.
Obwohl wir aus einem Dasein ohne Ich gekommen sind, scheint
es uns absolut unmöglich in diesen Zustand wieder zurückzufinden.
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Kontakt alexander@jent.ch