Manon – ungeschminkt

Erster Teil 

 

“Zuerst war sie ein Bürgerschreck, dann eine Kultfigur, bevor sie vergessen wurde. Jetzt wird Manon wiederentdeckt. “

Neue Zürcher Zeitung 2019



Don't look Back 2019

 

«Lange bevor Zürich brannte, hat Manon zum persönlichen Befreiungsschlag ausgeholt. Lange bevor affirmative Frauenbilder im Kontext der Kunst ganz selbstverständlich entworfen und gelebt wurden, hat sie als Manon Leute zum Träumen gebracht und gleichzeitig provoziert; hat sie ihr weibliches Selbstbewusstsein zur künstlerischen Performance mit Hang zum Gesamtkunstwerk verdichtet.»

Gianni Jetzer, Kurator Kunsthalle St.Gallen

 

«Der Künstler solle sein Produkt sein, proklamierte Manon frech. Was heute wie das Mantra eines smarten Karrierekünstlers tönt, war aber ernst gemeint. Manon sprang ohne Netz, ihre Selbstinszenierung war keine kunstmarktkonforme Strategie. Sie stellte ihren Körper in den Dienst ihrer Kunst und zerteilte sich in multiple Identitäten, bis niemand mehr zu unterscheiden wusste, wer die Schöpferin und wer die Kunstfigur Manon war - vielleicht auch sie selbst nicht mehr.

Dass das Selbstexperiment einmal ein Ende haben musste, trug nur zur Legendenbildung bei. Man könnte nostalgisch werden, wenn man die alterslose Künstlerin erzählen hört von einer Zeit, in der Künstler noch nicht gleich von der Kunstschule in die Komfortzone einer Galerie zogen, von einem Leben, zu dem Lou Reed den Soundtrack lieferte und Drogen auch noch zur Bewusstseinserweiterung konsumiert wurden und nicht zur Spassoptimierung.

Dass darauf Katerstimmung folgen musste, versteht sich, aber sie ist längst verflogen. Nach einer Zäsur in den achtziger Jahren arbeitet Manon kontinuierlich weiter. Und während sie von den Jungen als Vorreiterin entdeckt wird, stellt sie ihre neuen Fotoarbeiten aus, etwa «Forever young», ein zwischen Zauberei und Variéte changierendes Spiel um Vergänglichkeit. Die Arbeit wirkt stilisierter, enigmatisch, anspielungsreich, und man spürt, dass die Künstlerin Manon zu ihrer Kunstfigur auf Distanz gegangen ist. Aber sie choreographiert weiter an ihrer Lebensrevue. Man hätte Lust, die Nummern einmal im Überblick zu sehen.»

Brigitte Ulmer, Autorin, Kunstjournalistin

 

 

Manon - ungeschminkt


Manons Persona zu erfassen, scheint beinahe unmöglich, sie hat nicht nur Brüche in ihrem Charakter, sie ist von absoluter Widersprüchlichkeit. In jeder Situation ist sie für eine Überraschung gut. Sie kann offen und klar sein oder abwesend mit versteinerter Miene. Erst verdrängt sie alle Probleme, dann regelt sie mit forschem Auftreten die Dinge. Sie ist eine ängstliche Neinsagerin, die eigentlich gerne ja sagen möchte, und eine kühne Jasagerin, die sich fürchtet und eigentlich gar nicht will.

Manon hat aus sich eine kühle Kunstfigur geschaffen, die ihr warmherziges Wesen verbirgt. Sie hat ihr einengendes Image immer wieder radikal durchbrochen, um zu merken, dass es eben doch zu ihrer eigenen Identität gehört. Neben den bekannten Manon-Bildern hat sie in vielen ungeschminkten Selbstbildnissen ihr kindliches Gemüt und ihren verzweifelten Kampf um ihre ureigene Identität aufgedeckt.

Noch heute pflegt und bekämpft sie gleichzeitig ihr Image. Sie hat die Grenzen menschlichen Seins ausgelotet und zu Kunst weiterverarbeitet. Dass ihr gnadenlos durchlebtes Selbstexperiment zu schweren Lebenskrisen führt, war vorauszusehen.

 

My home is my Boudoir

Manon wohnt im Frascati-Haus am Zürichsee. Das denkmalgeschützte Gebäude ist ein Rundbau, bei dem auch innen alle Wände und Türen eine Rundung haben. Im grosszügigen, ovalen Treppenhaus steht eine metergrosse, goldene Kugel aus Manons Installation „Damenzimmer“ .

Ihr Wohn-/Lebensraum strahlt eine geheimnisvolle, luxuriöse Weiblichkeit aus, er erinnert stark an ihre Installation „Das lachsfarbene Boudoir“, jedoch in Mimosen-Gelb. 



 In der Mitte ein mit einer üppigen Felldecke überzogenes Bett mit unzähligen Kissen, auf denen ihre Hündchen und Katzen liegen.

Phallische und vaginale Objekte stehen sich gegenüber, eine Beinprothese steht in der Ecke, Südseemuscheln im trockenen Aquarium, abgewetzte Leopardenpelzmäntel und Wildhörner aus Afrika, die gesammelten Werke ihres Vaters in einem verschlossenen Glaskubus, ein Kartenständer voller Selbstportraits. Natürlich hat alles eine Geschichte.

Auf insgesamt vier Schminktischen häufen sich Flacons und Döschen, Puderquasten und Schminkpinsel, Lippenstifte und Lidschatten, Perlenketten und Krönchen, und weitere Utensilien weiblicher Täuschungskunst.

In unzähligen grossen Spiegeln kann Manon sich in ihrem Environment als Gesamtkunstwerk anschauen. 



Manon verbringt viel Zeit im Bett zusammen mit ihren Tieren (z.Z. vier Katzen und drei Hunde).

 

 

Von der Schulbank vor die Filmkamera

Über ihre Kindheit spricht Manon nur ungern. „Sie entsprach etwa meinem Schulweg: er führte vorbei am Gefängnis, wo manchmal eine Hand aus einem vergitterten Fenster winkte, vorbei an schwarzen, bombastischen Gaskesseln und zuletzt auch noch am Schlachthof vorbei, aus dem die Schreie der todgeweihten Tiere drangen.“

Manons Vater, der bekannte St. Galler Ökonomie-Professor Dr. Emil Küng, hatte wenig Zugang zu seinen Kindern. Ihre schöne Mutter wäre lieber Opernsängerin als Mutter geworden.



In den fünfziger Jahren sucht die Bavaria nach amerikanischem Muster ein Mädchen, das sie zum Kino-Star aufbauen will. Ein Produzent vom Studio Geiselgasteig entdeckt an der schweizerischen Frauenausstellung SAFFA ein Foto, auf dem er meint, das Gesicht der fünfziger Jahre gefunden zu haben. Er findet schnell heraus, wer das Mädchen ist, und Manon wird zu Probeaufnahmen in die Bavariastudios nach München eingeladen.

Kurz danach unterschreibt ihr Vater den Vertrag und legt damit die Geschicke seiner minderjährigen Tochter in die Hände der Bavariabosse. Sprecherziehung, Fechten, Schauspielunterricht und kleinere Filmrollen fordern der „kleinen Schweizerin“ alles ab. Zudem steht sie im Konkurrenzkampf mit Karin Bahl und Marion Michael, die ebenfalls bei der Bavaria unter Vertrag stehen.

Nach kaum einem Jahr endet ihre frühe Filmkarriere mit einem Nervenzusammenbruch. Sie hat zwar an der Schauspielerei Gefallen gefunden, aber sie will sich nie mehr von jemandem sagen lassen, wie sie aussehen und wie sie was wie spielen soll. Sie will nicht Fremd- sondern Selbstdarstellerin werden.

 

Daniel Schmid hat 1971 Manon in seinem Film „Heute Nacht oder nie“ mehr oder weniger sich selbst spielen lassen. Nach einem weiteren Film (TSR) in dem sie als Manon die Hauptrolle spielt, und der scheint so grauenhaft geworden zu sein, dass Manon seither alle Filmangebote abgelehnt hat und diesen letzten Film unter absolutem Verschluss hält.

 

Geburt einer Kunstfigur

Als erstes legt sie sich einen Künstlernamen zu. „Manon“ ist seit ihrer frühen Kindheit das Synonym extravaganter Weiblichkeit. Sie hat den Namen bei einem Onkel als Titel einer französischen Herrenzeitschrift gesehen, in der Mannequins in eleganten Roben und auch mal nur im Negligee abgebildet waren.

Manon kommt als Ostschweizer Landei nach Zürich und wird nach kurzer Zeit in der Zürcher Kunstszene der 60er und 70er Jahre zur Kultfigur.


"On Manon 74-77"   3.Auflage 2015


Schaustellerin von Gefühlen


„Eigentlich möchte ich mich als Schaustellerin bezeichnen.

Als Schaustellerin von Gefühlen, Situationen, Erfahrungen.“


Manon löst immer wieder - ob sie will oder nicht - starke Gefühle aus. Meist kontroverse. Anfänglich sucht sie die provokative Konfrontation mit dem Publikum. 1975 inszeniert sie im Kunstmuseum Luzern „Das Ende der Lola Montez“. Manon erzählt das Schicksal der mächtigen, später verfolgten Kurtisane Lola Montez («Die berüchtigte Tänzerin Lola Montez war die permanente Revolution in Person».  NZZ). Die schöne Tänzerin musste nach einer Volksrebellion vom Hof des Königs Ludwig III von Bayern fliehen. Um zu überleben, stellte sie sich zeitweise an Jahrmärkten aus, und wurde so wie Manon zur Schaustellerin ihrer selbst. Trotzdem bedrängt Lola Montez den Adel weiter und fordert über weibliche Wege Sozialreformen. In der Performance „Das Ende der Lola Montez“ stellte sich Manon als selbst gefesselte Domina ihrem Publikum.

 

In „Sentimental Journey“ treibt Manon die persönliche, provokative Konfrontation mit dem Publikum noch weiter. Die Besucher werden einzeln durch die aus drei Räumen bestehende Installation mit dreizehn «Statisten» in verschiedenen Rollen geführt, um sich schliesslich für die Dauer von drei Minuten in einem Gitterkäfig alleine mit der Künstlerin konfrontiert vorzufinden.




„Manon presents men“

Manon schafft einen Skandal: in der Installation „Manon presents men“ degradiert sie Männer zu Ausstellungsobjekten und stellt sie in einem Schaufenster zur Schau.

Karl Lüönd titelte im Blick: „Manon stellt lebende Männer aus und sagt: Das ist Kunst!“ Heinz Bütler realisierte für die SRG einen Fernsehbeitrag über die Aktion.  




Sandro Salamandro, damals redaktioneller Mitarbeiter bei der Zeitschrift „Pop“, später Drögeler, heute Sozialarbeiter in Bern, ein Weggefährte von Manon, war eines der sieben ausgestellten „Objekte“ bei „Manon presents man“. „Ich war dabei. Als Komparse und Komplize, als Handlanger und Zuschauer und manchmal auch als Störenfried. Mein erster Job für Manon: wir strichen die Wände eines ausgedienten Kohlenkellers lachsfarben und bestreuten ihn mit Goldglimmer...“.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, zu dem es in Zürich noch keine offene Sado-Maso-Szene gab, haftet Manon das Image der Männer verzehrenden Domina an. Eine Projektion der Männerwelt, wie Manon sagt, die ihr manchmal schwer zu schaffen macht, da es ihrem scheuen und warmherzigen Naturell überhaupt nicht entspricht.

In seiner arroganten, unsympathischen Art fragt Roger Schawinski Manon 1999 in der Sendung „Talk Täglich“, ob sie nicht doch lieber „es Hüerli“ als eine Künstlerin geworden wäre. Manon kontert die sexistischen Männerphantasien von Schawinski souverän. 




Manon presents woman

Manon versteht sich als Vorkämpferin der Frauenemanzipation der 60er Jahre. Zwar ging es ihr immer um ihre persönliche Freiheit und ihre eigene Selbstverwirklichung, jedoch war ihr immer bewusst, dass die Frauen nicht nur im Kunstbetrieb unterdrückt werden.

Ihre Installation  „Das Damenzimmer“ steht in krassem Widerspruch zu „Manon presents men“. Während sie abgerichtete, seelenlose Männer klamaukartig zur Schau stellt, widmet sie das dezente Damenzimmer verstorbenen Künstlerinnen, deren fragile Gefühle sie in seidene Schatullen verpackt und deren ungelebte Möglichkeiten sie in riesigen, verknoteten Eiern versteckt.

1984, sechs Jahre nach dem Stern-Titel-Prozess, setzt Alice Schwarzer ein Aktfoto von Manon auf die Titelseite von Emma und überlässt ihr acht Seiten zur freien bildlichen und textlichen Gestaltung. Manon und Alice Schwarzer hatten bisher immer wieder brieflichen und telefonischen Kontakt. Es wäre interessant, ein persönliches Zusammentreffen der beiden Persönlichkeiten zu beobachten, um zu hören, wie die Radikale ästhetisch und die Ästhetin radikal wurde.





Zweiter Teil folgt

Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.


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