Meine Mutter:  jodeln - trauern - jodeln


Meine Mutter wurde 1910 als Maria Josefa Achermann in Litau im Löchli, Entlebuch laut Geburtsschein zur Welt gebracht. Ihre Mutter versuchte sie und ihre 7 Geschwister mit Totenhemden nähen über Wasser zu halten. Ihr Vater war der zweite Ehemann ihrer Mutter und wieder ein Säufer. Er tingelte als Kesselflicker in der Gegend herum. Seine Eltern waren Zigeuner.


Als sie Vierzehn war musste sie in der Fabrik von Visco-Suisse aus Holz gewonnene Fäden in lärmige Maschinen einfädeln. Während der Arbeit sang sie gerne, wenn auch nicht gut. Trotzdem wurde sie hin und wieder zu Hochzeiten, Geburtstagen und anderen Festen eingeladen, um mit Naturjodel und schmissigen Liedern etwas Stimmung unter die Gäste zu bringen.

In der Vorfernsehzeit gab es viele Varietés im ganzen Land, die nach Stimmungskanonen suchten. Obwohl meine Mutter einen eher depressiven Grundcharakter hatte, wenn sie aber einmal in Fahrt kam, konnte sie richtig vom Leder ziehen. Sie erzählte auf der Bühne  schlüpfrige Witze, sang frivole Lieder und zwischendurch gab sie einen lüpfigen Jodel zum Besten.

Sie tingelte von Cabaret zu Cabaret, erst um Luzern, dann durch die ganze Schweiz, später auch durch Österreich und Deutschland. Sie wurde eine gefragte Entertainerin würde man heute sagen.



Ihre streng katholische Mutter empfand den Erfolg ihrer Tochter zwiespältig. Einerseits war sie um das Geld froh das Mimi nach Hause schickte, andrerseits fürchtete sie, dass ihre Tochter auf dem seichten Terrain des Varietés Ehre und Unschuld verlieren könnte. Trotzdem nähte die Mutter voll sexy Bühnenkostüme für ihre Tochter.


Im Cabaret Barfüsser in Zürich verliebte sich ein Zuschauer Knall auf Fall in die temperamentvolle Sängerin. Es begann ein Techtel Mechtel zwischen den Beiden. Als Mimis Mutter Wind davon bekam, wollte sie den Freier natürlich sofort sehen. Er schien ihr soweit recht gut zu gefallen, aber er war Protestant. 



Eine Mischehe war aber für die streng gläubige Katholikin unmöglich. Der Heiratskandidat war aus Liebe jedoch bereit, noch vor einer Hochzeit zum katholischen Glauben zu konvertieren.

Meine Mutter aber zögerte, sie wollte ihr freies Leben nicht aufgeben und, wie damals üblich, nicht schon jetzt unter die Knute eines Ehemannes kommen. Doch ihre Mutter sah die Chance die Verantwortung über ihre "gefährdete" Tochter an einen Mann abzugeben und drängte Mimi förmlich in diese Ehe. So kam es bald zur Hochzeit in einer katholischen Kirche.

Er war Restaurator von Beruf und half Kapellen und Kirchen zu renovieren, wenn es nötig war, arbeitete er auch mal als Flachmaler. Hans und Mimi hatten als selbständige Doppelverdiener somit ein gutes Einkommen. Nach kurzer Ehe kündigte sich das erste Kind an. 

Hans war es eigentlich von Anfang an ein Dorn im Auge, dass seine Frau herumreiste und auf der Bühne andere Männer unterhielt. Er verbot ihr nun als Mutter weiterhin auf der Bühne zu stehen, zu diesem Schritt war er von Gesetzes wegen ermächtigt. Damit zog er ihr aber buchstäblich die Bretter die für sie die Welt bedeuteten unter den Füssen weg. Kurz nach der Geburt fiel sie in eine tiefe Depression und musste für mehrere Wochen in die Psychiatrie interniert werden. Dieser Bruch belastete ihre Mutter-Kind-Beziehung erheblich.

Als sie knapp dreissigjährig war, wurde ihr Mann bewusstlos in einem Leiterwagen von Arbeitskollegen heim gebracht. Er hatte einen schweren Herzinfarkt. Nun stand sie mit zwei Kindern und einem kranken Mann verloren da. Das Geld fehlte in allen Ecken und Enden. Mein Vater versuchte im Rahmen seiner Möglichkeiten Geld zu verdienen, aber erst eine Festanstellung brachte wieder ein regelmässiges Einkommen.  

Mimi wurde bald wieder schwanger, doch das Mädchen starb nach wenigen Monaten. Zwei Jahre später gebar sie einen Sohn und wieder zwei Jahre später 1948 musste sie mich, einen verspäteten Nachzügler empfangen, den sie mit der Knaus-Ogino Methode zu verhindern suchte.


Zu meinen frühsten Kindheitserinnerungen zählt ein Ereignis als ich etwa dreijährig war. Meine Mutter ging mit mir in einen nahe gelegenen Park. Sie sass auf einer Bank und plauderte mit einer anderen Mutter. Ich spielte zirka 10-15 Meter von ihr entfernt im Gras. Plötzlich krallte sich ein Maikäfer an meiner Fusssohle fest. Ich schrie mir die Lunge aus dem Hals, aber sie plauderte ungestört weiter, sie war ja der Meinung, das Kinderschreien gut für die Entwicklung der Lungen sei. Da meine Mutter mir nicht zu Hilfe kam, humpelte ich zu ihr.  Sie entfernte den Käfer von meinem Fuss, während sie weiter  mit der fremden Frau schwatzte. Ohne ein Quäntchen Trost entfernte ich mich von meiner Mutter.

Ich belastete meine Mutter mit vielen Unfällen während meiner Kindheit. Ich hatte drei Armbrüche, brach mir das Nasenbein, mein Bruder hat mir willentlich den Mittelfinger gebrochen und als er mal testen wollte, ob er von der Kommode aufs Bett springen könne, sass ich unglücklicherweise in seiner Flugbahn auf dem Häfeli und spielte mit der Zunge zwischen meinen ersten Milchzähnen. Natürlich landete er auf meinem Kopf und ich biss mir auf beiden Seiten ein Stück Zunge ab.

Ein Mädchen lehrte mir die Glocke an der Teppichstange zu machen. Nach dem ersten gelungenen Versuch rief ich die ganze Familie auf den Balkon um ihnen das Kunststück vorzuführen. Ich war so aufgeregt, und vor den Augen meiner Mutter stürzte ich Kopf voran auf den Steinboden. Ich verlor sofort das Bewusstsein und erwachte erst wieder im Bett meines Vaters als ein Arzt mich behandelte.

Meine Mutter beharrte darauf, dass ich im protestantischen Zürich in den katholischen Kindergarten zu Schwester Eustochia gehen muss. Auf dem Weg zur Kirche hänselten mich immer wieder reformierte Kinder indem sie mir «Katholisch rossbollisch» nach riefen.  Eines Tages rief ich «Reformiert Füdli verschmiert» zurück. Am nächsten Tag passten sie mir zu Dritt ab. Ich wollte die Strassenseite wechseln, wurde dabei aber von einem heranbrausenden Töff erwischt und so mit dem Kopf gegen den Randstein geschleudert, dass ich wieder das Bewusstsein verlor und erst wieder zu mir kam als ein Arzt mir den Puls fühlte.

Ungeliebte Wohnung

Wir wohnten in einem originellen Haus, das aus einem Architektur-Wettbewerb während der Gründerzeit hervorgegangen war. Drei Architekten bauten je ein Mietshaus im Stil wie sie den Zürcher Hauptbahnhof gestalten würden (die Häuser stehen heute unter Denkmalschutz). 

Der bombastische Hauseingang wurde von einem Obelisken zweigeteilt der bis zum Dach hinauf ragte und oben einen riesigen Mädchenkopf trug. Die Balkongeländer wurden von steinernen Löwen gehalten. Wir wohnten in 3. Stock in einer Dreizimmerwohnung und hatten zusätzlich noch ein Mansardenzimmer mit einem grossen Balkon und einer Cheminee-Attrappe. Da mein ältester Bruder schon aus dem Haus war, er flog von einem Internat zum anderen. Und auch meine Schwester brannte bald mal mit ihrem Freund ins Welschland durch. So hatten wir eigentlich genügend Platz, auch, wenn wir immer wieder gefallene Mädchen (Teen-Moms) bei uns hatten die meiner Mutter im Haushalt und bei der Kinderbetreung halfen.

Während meiner ganzen Kindheit wollte meine Mutter umziehen. Sie studierte täglich die Wohnungsanzeigen, manchmal nahm sie mich zu einer Wohnungsbesichtigung mit. Ich glaube aber, sie wollte ihr unbefriedigendes Leben, gezeichnet von Geldmangel, einem abgehalfterten Ehemann und Kindergeschrei, nicht die Wohnung wechseln.

Trauma

Beim Räuber und Poli Spiel sprang ich auf der Flucht vor einem Polizisten von einem Garagendach hinunter und brach mir den rechten Fuss. Ich schleppte mich nach Hause, kletterte auf allen Vieren die erste Treppe hoch, da hörte ich Schritte und dachte; Hilfe naht. Wirklich erschien meine Mutter, ich sagte ihr, ich hätte den Fuss gebrochen. Sie antwortete, geh mal nach oben, ich muss jetzt Einkaufen gehen.

Von da an hatte ich wiederkehrend verschiedene Angst-Träume die jeweils mit dem selben Schlusssatz endeten: Immer, wenn ich meine Mutter brauche ist sie nicht da. Erst als ich im Erwachsenenalter mit meiner Psychotherapeutin über meine Mutterbeziehung sprach, klärte sich endgültig, dass meine erste Beziehung zu einem weiblichen Wesen gescheitert war. Ich musste durch die psychotherapeutisch notwendigen Phasen von Trauer und Wut um zu Verständnis zu gelangen. Danach verschwanden die stereotypen Träume.

Ich machte aber den Fehler, dass ich mit meinem ältesten Bruder am Telefon über unsere Mutter sprach. Ich sagte ihm, dass wir für unsere Mutter wohl eine schwere Belastung waren und wir ihr wohl auch nicht bedingungslos willkommen waren. Am Ende des Gesprächs mahnte ich ihn ja Mutter nichts davon zusagen, es würde sie sehr verletzen und zudem würde es meinen psychotherapeutischen Prozess empfindlich stören. Da aber mein Bruder in seiner narzisstischen Vorstellung glaubte, die ganze Welt habe auf seine Geburt gewartet und, dass er für seine Mutter das langersehnte Glück wäre, wurde er durch meine Aussagen in seiner Selbstüberzeugung verunsichert und er musste sich sofort von seiner Mutter bestätigen lassen, dass sie ihn von Anfang an geliebt hätte. Nach kaum zwei Stunden rief mich meine Mutter aufgebracht an und widersprach mir mit dem Stereotyp: Ich habe alle meine Kinder liebgehabt. Ich entschuldigte mich und bestätigte ihre Ansicht.

An meinem 38. Geburtstag rief meine Mutter mich an, um mir folgendes zu sagen: Du bist jetzt 38. Ich war genauso alt als ich dich geboren habe. In diesem Alter möchtest du doch auch kein Kind mehr.

Abgesang

Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes zog sie zu ihrer Tochter ins Tessin. Dort verlebte sie glückliche Jahre als Grossmutter.


Als meine Mutter weit über 90. Jahre alt war, rief mich die Betreuerin vom Altenheim an. Sie teilte mir mit, dass meine Mutter im Sterben liegt. Ich ging ans Sterbebett meiner Mutter, sie hatte das Bewusstsein bereits verloren. Was sollte ich tun? Ich hatte zwar etwas Erfahrung mit Sterbenden aus dem Psycho-Praktikum. Aber nur mit noch ansprechbaren Menschen. Mir kam die Idee ich könnte singen, vielleicht konnten Lieder die sie kannte noch in ihren Geist gelangen. Sie war sehr gottgläubig, also sang ich erst tröstliche Kirchenlieder wie: "So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende…" und : "Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart". Dann kam mir ein Schlager in den Sinn der uns amüsierte und wir den Refrain laut mitsangen: "Das alte Haus von Rocky-Tocky hat vieles schon erlebt. Kein Wunder, das es zittert, kein Wunder das es bebt…". Zum Abschluss sang ich noch ein Lumpenlied, das sie auf der Bühne gesungen hatte: "Dä mit em brune Huet, dä gfalt mer bsunder guet…". Nach etwa einer halben Stunde bin ich wieder gegangen. Fünf Minuten später war sie tot.