Der lautlose Schrei der Blume
Blumen sind etwas Wunderbares. Ich kaufe jeweils drei Tage nach Allerheiligen ein Grabbouquet zum halben Preis in der Migros (Frugalismus!). Das gestalte ich dann um und erfreue mich den ganzen Winter daran.
Blumensträusse mag ich nicht so. Vor allem barocke nicht. Ich sehe dann vor lauter Wald den Baum nicht mehr. Schnittblumen galten bis in den Beginn des 20ten Jahrhunderts als Analogie zum Tod. Von den lebenspendenden Wurzeln abgeschnitten wurden Blumensträusse als Sinnbild des Dahinwelkens und der unumgänglichen Vergänglichkeit normalerweise nur bei Totenfeiern aufgestellt.
Wabi – Sabi
Ich habe einmal von einer Freundin zum Geburtstag ein
Jahresabonnement von einem Blumenladen geschenkt bekommen, das mir jeden Monat Pflanzen-Material
für ein Ikebana (Blumen am Teich) beschert hat. Als in dieser japanischen Kunst
völlig Ungeschulter habe ich dann nach dem in mir tief verwurzelten zenhaften Wabi–Sabi-Stil die Blumen in eine neue/alte (Un-)
Ordnung gebracht.
Wabi und Sabi, ein «Konzept der Wahrnehmung von Schönheit» ist eine jener japanischen Eigenheiten, die sich sprachlich nicht übersetzen, sondern nur erleben lassen. Wabi: Einfachheit/Klarheit – Sabi: Originalität/Persönlichkeit ist eine völlig unzureichende Erklärung. Etwas deutlicher ist die Anweisung:
«Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie».
Ein Zen Meister beauftragt einen Novizen das Laub unter den Bäumen zusammen zu rechen. Akribisch sammelt der Zen-Anfänger die letzten Bruchstücke der Blätter zusammen. Der Meister schaut sich das Werk an. Offensichtlich nicht ganz zufrieden ruft er seinen Meisterschüler und beauftragt ihn den Garten zu säubern. Der Mönch geht von einem Bäumchen zum anderen und schüttelt es leicht. Die herunterfallenden Blätter bilden unter jedem Bäumchen einen hübschen Kreis. Fertig!
Die Frauen vom Blumenladen waren neugierig, wie das Endresultat aus den von ihnen gelieferten Pflanzenteilen wohl aussehen würde. Ich habe dann mal dem Blumenboten ein Polaroid mitgegeben. Anscheinend konnten sie aber mit meinem kargen, unorthodoxen Gesteck nicht viel anfangen.
Man muss vor einem Ikebana niederknien, sich tief verbeugen
bis fast die Stirn den Boden berührt und dann aufschauen, um aus der
Perspektive eines Käfers die zum Himmel aufragenden PflanZen zu schauen.
So mache ich es jedenfalls.
Der enge Zugang war, wie im Cha-do (Tee Weg) tradiert, so
angelegt, dass man gebückt auf allen Vieren in den Teeraum, wie in eine Höhle
schlüpfen musste, so kann man alles von Draussen abstreifen und kommt «Neutral
und Gleich» zu einem unkonventionellen Dialog mit einem Primus inter Pares (oder Meister).
Denn jedes Lebewesen hat dieselbe Buddhanatur, der eine kennt sie, beim anderen
ist sie noch verschüttet.
Der Meister der Liebe
Ein weggeworfener Blumenstrauss spielt in einer Zen-Parabel
eine wichtige Rolle. Ein Mann sucht den «Meister der Liebe» und findet ihn an
einer belebten Strassenecke in einem kleinen Städtchen. Der alte Meister ist
von einem jungen Mann begleitet, der offenbar sein Diener ist. Der Suchende
darf mit den Beiden ein Stück des Weges gehen.
Sie übernachten in einem Nonnenkloster. Mit «demütigem Stolz»
(?) zeigen die Nonnen den Besuchern ihren Gebetsraum. In der Mitte des Raumes
hängt eine jahrhundertealte Hinterglasmalerei von der Decke herunter, die
scheinbar frei im Raum schwebt. Die Nonnen beten das Kleinod stündlich mit
Inbrunst an. Durch ein ungeschicktes Stolpern schlägt der dumme Diener mit
seinem Wanderstab gegen die Glasscheibe, sie bricht entzwei, fällt zu Boden und
teilt sich in tausend Stücke. Mit mannigfachen Entschuldigungen verlassen die
Drei das Nonnenkloster schleunigst wieder.
Die nächste Nacht verbringen sie auf einem Bauernhof. Die
Tochter des Hauses verliebt sich in den jungen Fremden. Bei der Verabschiedung
am nächsten Morgen fehlt die Bauerntochter. Sie wartet am Dorfausgang mit einem
Blumensträusschen auf ihre erste Liebe. Mit Tränen in den Augen überreicht sie
dem Jungen den Vergissmeinnichtstrauss. Wortlos nimm er ihn entgegen und geht.
Vor der nächsten Wegbiegung, noch im Blickfeld des weinenden Mädchens wirft er
das Liebespfand achtlos weg.
Jetzt platzt dem Mitreisenden aber der Kragen. Er bedrängt
den alten «Meister der Liebe» den herzlosen Jungen zurechtzuweisen. Doch der
alte Mann sagt: «Nicht ich, er ist der «Meister der Liebe»! Hätte er nicht den
Nonnen ihr Götzenbild zerschlagen, würden noch Generationen von Nonnen dieses
Trugbild verherrlichen, anstatt sich selber, durch Arbeit am eigenen Wesenskern
zu befreien. Und hätte er den Blumenstrauss nicht vor den Augen des Mädchens
weggeworfen, würde das arme Kind womöglich jahrelang auf seine Rückkehr warten,
statt einen anderen zu heiraten».
Ziemlich am Anfang meines einjährigen Aufenthalts am Institut für «Initiatische Therapie» wurde ich vom Sekretariat angerufen und gefragt, ob ich Privatstunden beim Gründer der Einrichtung Karlfried Graf Dürckheim haben möchte. Ich war baff, sagte man mir doch, dass der über 90 Jährige keine persönlichen Unterweisungen mehr gebe. Wie ich zu dieser Ehre gekommen bin, weiss ich nicht.
Karl Friedrich Alfred Heinrich Ferdinand Maria Graf Eckbrecht von Dürckheim-Montmartin
Karlfried Graf Dürckheim erhielt 1931 eine Professur an
der Pädagogischen Akademie Breslau. Anfang der 40er Jahre wurde er, vom nationalsozialistischen Regime
nach Japan geschickt, zur Erforschung der „Grundlagen der japanischen
Erziehung“. Die japanischen Schulungsmethoden waren eine genaue Kopie des Preussischen
Pauker-Systems - bis hin zu den Schuluniformen.
Kurzer Ausflug in die japanische Geschichte
Kurz nachdem die Amerikaner mit Kanonenboot-Diplomatie 1854 den
Japanern nach 220 Jahren absoluter Isolationspolitik die «Ungleichen Verträge»
aufgezwungen hatten und Japan zur Öffnung seiner Grenzen nötigte, brach auch die
Militärherrschaft in Form des Shogunats zusammen und die Macht fiel wieder an
das Kaiserhaus zurück. Dort wurde kurz zuvor ein 16jähriger zum Kaiser Meiji (=
Postum
Name „aufgeklärter Herrscher“) inthronisiert. Der junge Tenno entwarf
mit einer Gruppe mit meist nicht viel älteren Kollegen ein neues Konzept für
Japan. Sie schickten Kundschafter in alle Welt um auf jedem Gebiet das und die
Besten zu suchen. Und fanden sie auch, lernten von ihnen, kopierten sie und
gelangten so in kurzer Zeit durch die «Meiji Restauration» fast auf westliches
Niveau.
Zu diesem Zeitpunkt war Japan noch das einzige unabhängige
Land in Asien. Der ganze Rest wurde von den Seemächten Grossbritannien, USA,
Frankreich, Portugal und den Niederlanden beherrscht.
Während sich 1854 Japan noch mit hanfumschnürten
Bambuskanonen gegen die «Schwarzen Schiffe» (Schiffe aus Eisen) der Amerikaner verteidigte,
verhinderten die Japaner 25 Jahre später die Einnahme von Okinawa durch die USA,
indem sie die Insel selbst besetzten und auch verteidigten.
Unglücklicherweise führte dieser schnelle militärische
Erfolg wieder zur Stärkung der Generäle in der Politik und endete über
verschiedene Kriege zur finalen Katastrophe der für Japaner absolut undenkbaren
ersten Niederlage in ihrer Geschichte.
Die Verkündung des Desasters an die Bevölkerung überliess man Tenno Hirohito. In den Strassen wurden vom Militär Lautsprecher aufgestellt um alle Bürger gleichzeitig über die Niederlage zu informieren. Viele Männer sollen mit ihren Familienschwertern vor ihren Häusern bereits im Suwari-Sitz gesessen haben und auf den Befehl des Kaisers zum landesweiten Seppuku (Harakiri) gewartet haben. Doch der an der Tragödie mitschuldige Tenno befahl in höfischem Sino-Japanisch, das kaum jemand richtig verstand: «Das für einen Samurai Unerträgliche, wie ein Samurai zu ertragen».
Während seiner ausgedehnten Aufenthalte in Japan lernte Graf Dürckheim den Zen- und Kyu-do Meister (Kyu = Bogenschiessen, Do = Weg) Awa Kenzo kennen und wurde sein Schüler. Die Beiden verband eine lebenslange Freundschaft.
In den Nachkriegswirren war es Dürkheim
nicht möglich sich aus Japan abzusetzen. Er wurde von den Amerikanern als
deutscher Kriegsteilnehmer klassifiziert und in Kriegsgefangenschaft gesetzt.
In Isolation soll Graf Dürkheim wesentliche initiatische- oder
Seins-Erfahrungen gemacht haben.
Nach seiner Rückkehr 1947 aus der Kriegsgefangenschaft
quartierte Dürkheim sich bei Maria Hippius in Todtmoos-Rütte im Schwarzwald ein
und heiratete sie später.
Beide drängte es ihre Erfahrungen und ihr spezielles Wissen in ein psychotherapeutisches System einzubauen. Maria Hippius brachte unter anderem die Methode des «Spontanen Graphischen Ausdrucks von Gefühlen» das sogenannte «Geführte Zeichnen» ein. Beim Geführten Zeichnen, geht es darum, mit geschlossenen Augen in möglichst absichtsloser Haltung, bestimmte Themen wie von selbst sichtbar und deutbar zu machen.
Mit seiner profunden Zen Erfahrung und seinem Tiefenpsychologischen Wissen entwickelte Dürckheim eine transpersonale Psychotherapie fussend auf Zen.
Sie gründeten die «Existential-psychologische Bildungs- und
Begegnungsstätte Todtmoos-Rütte» und fassten ihre ganzheitliche Schulung unter
dem Begriff «Initiatische Therapie» zusammen.
Nach meinem einfachen Verständnis, nach dem ich später auch gearbeitet habe, ist dem Klienten (Schüler) durch irgendein Medium zu einem initiatischen Erlebnis zu verhelfen, es zu erklären und damit einen Selbstfindungsprozess anzuschieben, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Enormer Händedruck mit dem Meister
Der fast blinde Greis empfing mich freundlich in seinem eher
dunklen Arbeitszimmer, wir sassen einander gegenüber an seinem aufgeräumten antiken
Pult. Zwischen uns lag quer ein krummes, dürres Baumästlein von vielleicht 20
cm Länge, das mit einer schmalen, violetten Seidenschleife offensichtlich zum
Kult-Objekt erhoben worden war.
Wie ich später erfuhr, hatte Graf Dürckheim das knorrige,
wertlose Stecklein von seinem Meister zur Inauguration als Zen Meister bekommen.
Eine andere Version lautete: Dürckheims Zen Meister habe alle Meistergespräche
mit seinen Mönchen über eben dieses unscheinbare Ästlein hinweg geführt und es
seinem Meisterschüler später vererbt.
Nach einem kurzen Gespräch streckte er mir seine Hand wie
zum Grusse entgegen und forderte mich auf seine Hand zu fassen. Er war ein
Leptosom (grosse, hagere Gestalt) und hatte lange, knöchrige Finger an seiner
alten Hand. Langsam erhöhte er den Händedruck. Ich bin ihm spontan gefolgt.
Unaufhörlich presste er meine Hand weiter zusammen. Auch ich erhöhte den Druck
weiter, hatte aber schon Angst, dass ich ihm eines seiner filigranen
Fingerknöchlein brechen könnte. Nachdem er einen Moment im stärksten Druck
innehielt, lies er die Spannung langsam wieder los. Dann sagte er ins Nichts
schauend zu mir: «Sie haben eine starke Energie, sind sensitiv und haben ein
gutes Einfühlungsvermögen».
Ein Fingerzeig
Bei meiner letzten Begegnung mit Graf Dürckheim hatte ich ein echt initiatisches Erlebnis. Auf seinem Pult stand ein Väschen mit einer einzigen Blume. Er wies mit seinem zittrigen, knochigen Zeigefinger auf die Blüte und fragte:» Was sehen sie»? Mir war klar, dass er nicht meinte, ich soll einen schnellen Blick auf die Blume werfen, sondern etwas Tiefgründigeres erwartete. Ich sah die Blüte also genau an. Die Form, die Farbe, die matten Pollen auf den Staubbeuteln, der schlanke Stiel. Eine Assoziation von einem Aufenthalt am TV-Show-Festival der «Rose d’Or» in Montreux tauchte vor --- «Was sehen sie»? unterbrach er meine Träumerei. «Eine Narzisse» sagte ich fast etwas stolz. «Schauen sie weiter» herrschte er mich an. Klar, ich müsste über mein Privat-Persönliches hinaus gehen und versuchen aus dem Überpersönlichen die Blume anzuschauen.
Aber wie geht das und erst noch auf Kommando? Das analytische, assoziative Denken kann man
nicht einfach so weglegen. Ich versuchte einfach mal die Blume zwar im Auge zu
behalten, aber mich möglichst ausschliesslich auf meine Atmung zu
konzentrieren. Was mir gar nicht so schlecht gelang, ich spürte den feinen
Luftzug auf der Innenseite meiner Nasenflügel auf. Langsam kam ich in einen
meditativen Zustand. «Was sehen sie»? fragte er schon wieder. «Eine Blume»
schnoderte ich zurück. Zwar hatte ich durch diese Antwort bewiesen, dass ich
einen kleinen Schritt vom analytisch Speziellen zum ganzheitlich Umfassenden
gewagt hatte, aber mit einem trotzigen Unterton, der mir deutlich zeigte, wie
stark ich noch in meinen Ego gefangen war. Dies spornte mich aber an,
schleunigst wieder in meine meditative Haltung zurückzufinden. Und da
Zen-Meditation mit offenen Augen praktiziert wird, war ich auch geübt, meinen
Blick in der Weise verändern zu lassen, dass das ganze Blickfeld gleichwertig
in Erscheinung tritt, also die Bildränder den genau gleichen Stellenwert haben
wie der Fokus in der Mitte. Ich liess ein laues Frühlingslüftchen aufkommen,
das durch meinen durchlässigen Körper hindurch wehte. »Was sehen sie» flüsterte
Dürckheim. In diesem Moment erreichte mich der «Der lautlose Schrei» der Blume
und ich lallte «Die Blume» und weinte, aber gleichzeitig fielen wir in
schallendes Gelächter, als hätte er einen guten Witz erzählt.
Meine letzten Worte
Ich bin dann zur Therapie-Gruppe «Schauspiel als Weg» nach
Italien gegangen und habe von dort, kurz vor seinem Tod, Graf
Dürckheim noch ein Gedicht geschickt:
Mein Zen
Ausgelassen tanzen
Durch Liebe glänzen
Leben ohne Grenzen
Herzhaft furzen
Denken mit dem Herzen
Die Klingen nie Kreuzen
Frühstücken wie Prinzen
Mit Hunden schnauzen
Im hohen Bogen brunzen
Mit Kritik geizen
Nur vor Glück seufzen
Den Blickwinkel spreizen
Pudding in einem Mal Stürzen
Kluge Bücher wälzen
Gedanken scharf würzen
Buddha frech duzen
Herzlichst, Ihr Zen-Clown Alexander
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Kontakt alexander@jent.ch




