Langeweile auf dem Olymp  

Für Marie-Anne

 

Zeus („dze-u̯s“), der ehemalige Wettergott, der die Titanen und die Giganten bodigte und sich so zum alles beherrschenden Hauptgott im Olymp aufgeschwungen hat, gähnt vor Langeweile. Das Gekeife seiner eifersüchtigen Ehefrau der Göttin Hera hört der Göttervater schon gar nicht mehr. Nur einmal im Jahr vereinigt sich die kühle Hera mit ihrem Gatten auf Samos unter einem Keuschbaum zum Ablaichen in einer „Heiligen Hochzeit“.




Danach erneuert ein Bad im Fluss Imbrasos ihre Jungfräulichkeit wieder.     

 

Erdgöttin Demeter, Fruchtbarkeitsgöttin und Schwiegermutter des Teufels hilft gelegentlich ihrem Bruder Zeus aus der immer wiederkehrenden Notgeilheit.




Nur dem anmutigen Knaben Ganymed dem „Schönsten aller Sterblichen“ gehört dauerhaft Zeus` Liebe.


       Ganymed «Der Glanzfrohe»      
                                                                                                     

Aber der ist in seiner Aufgabe als Gottes Mundschenk zum Weinkeller unterwegs, wo zwei kleine Bachanten neben dem mit einem schweren Synapsentango im Ausnüchterungsschlaf liegenden Dionysos heimlich ein heavy Kampftrinken veranstalten. Der snoozende „Sorgenbrecher“ schnarcht laut, nichts von fröhlichem Gesang oder ausgelassenem Tanz. 



Dass Zeus dereinst ahnungslose Menschenfrauen verführen wird, ahnt der gelangweilte Herrscher des Olymps noch nicht. Noch weniger, dass er in mannigfachen Fake-Bodys, ob als niedlicher Kuckuck, stolzer Adler, potenter Stier, possierlicher Schwan, armer Hirte, anschmiegsame Schlange, krabbelnde Ameise oder als goldener Regen romantisch vom Himmel herabrieselnd das weibliche Geschlecht erobern wird. 



Göttin Hestia, Hausfrau durch und durch, wischt unablässig nicht vorhandenen Staub oder steht als Heimchen am leeren Herd.


Poseidon, bis vor kurzem ein unauffälliger Chefgrüsser, ist mit Getöse, wegen der olympischen Eintönigkeit, in seinen Kristallpalast in die Tiefsee abgetaucht.


Auch Multigott Hermes, Götterbote, Schutzgott der Reisenden, Hirten und Kaufleute fühlt sich extrem ödig. Denn auch als Gott der Redekunst weiss er, er der Gott der Diebe und Kunsthändler, mangels Ereignissen auch keine neuen Räuberpistolen mehr zu erzählen. Und auch als Vorturner hat der Gott der Gymnastik wenig Erfolg im Olymp.



Apollon, Wächter der sittlichen Reinheit und Gott der Mässigung sowie der Weissagung sieht auch keine spannendere Zukunft voraus.  Und auch als Gott der Musik und des Gesangs kommt ihm wegen der ätzenden Langeweile kein neuer DSDS-fähiger Song mehr in den Sinn.


Aphrodite, die schaumgeborene Göttin der Liebe und die schöne Athena, Göttin der List, liegen im Dauer-Zicken-Krieg - Wer ist die Schönste im Olymp.    



Wenigstens Eris die hinkende Göttin der Zwietracht kommt durch das Gezänk der beiden Beauty-Göttinnen auf ihre Rechnung. Sie feuert die beiden Rivalinnen mit gehässigen Zurufen immer wieder zu neuen Verbalattacken an.




Offensichtlich herrscht ein ziemliches Tohuwabohu im Olymp. Aus lauter Langeweile fiedelt beinahe Jede mit Jedem Kreuz und Quer durch den Göttersitz. Auch gibt es ständig Eifersüchteleien oder gar rapido Zoff um die nicht klar abgegrenzten Einflusssphären und Doppelbesetzungen der Herrschaftsgebiete.

 

Prometheus der Menschenfreund

 

Prometheus «der Vorausdenkende» hat spontan einen Einfall wie die Ereignislosigkeit auf der menschenleeren Erde, zur besseren Unterhaltung der Olympioniken, aufgehoben werden könnte. Lebewesen den Göttern ähnlich, aber nicht gleich. Ihnen könnte man vom Olymp aus zuschauen, was sie so treiben und auch mal dazwischenfunken oder Wetten abschliessen welche Partei denn gewinnen werde. 




Zeus winkt ab. Die Idee ist nicht neu, wir hatten ja schon die Kugelmenschen.



Aus Platon, Symposion 189c–d - 192b–e.

«Dem Mythos zufolge war die menschliche Natur ursprünglich ganz anders als die den Zuhörern vertraute. Die Menschen hatten kugelförmige Rümpfe sowie vier Hände und Füsse und zwei Gesichter mit je zwei Ohren auf einem Kopf, den ein kreisrunder Hals trug. Die Gesichter blickten in entgegengesetzte Richtungen. Mit ihren acht Gliedmassen konnten sich die Kugelmenschen schnell fortbewegen, nicht nur aufrecht, sondern auch so wie ein Turner, der ein Rad schlägt. Die Kugelmenschen verfügten über gewaltige Kraft und grossen Wagemut. In ihrem Übermut wollten sie sich einen Weg zum Himmel bahnen und die Götter angreifen.»

 

Doch Prometheus lässt nicht locker und auch die anderen gelangweilten Mitglieder der Olymp-WG hoffen auf diesem Weg auf ein wenig Abwechslung im olympischen Trott. Also willigt Zeus ein, vorerst mal einen Prototyp zu bauen.  



So knetet Prometheus aus verschiedenfarbigem Ton Wesen nach dem äusseren Ebenbild der Götter des Olymps. Seine Freundin Athene haucht den noch feuchten Tongebilden Leben ein (Leben schenken ist eben Frauensache).

Göttervater Zeus beobachtete das Treiben der Erdenkinder erst kritisch, aber als er merkt, dass das Menschengeschlecht in seinem Gebaren ganz unterhaltsam sein kann, hat er gegen Prometheus` Geschöpfe keinen Einwand mehr. Allerdings fordert er, dass ihm die neuen Lebewesen huldigen und Opfer darbringen müssen.

So macht sich Prometheus, als Stellvertreter der Menschen, daran, einen Stier zu opfern. Nach olympischer Sitte teilen sich der Empfangende und die Gebenden das Dargebrachte. Der «Vorausdenkende» sinniert: "Das viele gute Fleisch würde meinen Menschen guttun. Es würde ihnen Stärke und Kraft geben“.

Dann macht er den Fehler seines Lebens, Prometheus will Göttervater Zeus hinters Licht führen. Er teilt den bereits tranchierten Stier in zwei Haufen, einen grossen aus den wertlosen Teilen, wie Knochen, Sehnen und Innereien, darüber streicht er das von Zeus so begehrte Fett des Stieres, damit wäre der darunterliegende Schlachtabfall gut kaschiert, meint Prometheus. Der kleinere Haufen besteht aus den Filetstücken des Tieres, er bedeckt deshalb die guten Stücke mit dem aufgeschnittenen Stiermagen. 

Prometheus meint mit diesem Fake Göttervater Zeus zur falschen Wahl verleiten zu können. Prometheus schickt per SMS die Anfrage an Zeus, welcher der beiden Haufen er denn haben möchte. 

Zeus schaut verdutzt auf sein Handy und antwortet aus dem Olymp: „Den grossen Haufen“, natürlich wohlwissend was es mit den zwei Haufen auf sich hat.

 

Die Folgen der Schummelei

Die göttliche Rache lässt nicht lange auf sich warten. Zeus bläst mit einem gewaltigen Windstoss das einzige Feuer der Menschheit aus. Sollen Prometheus` Menschen doch das erschlichene Fleisch roh essen und kauen bis ihnen der Kiefer herunterhängt, denkt Zeus perfide. 

Prometheus lässt aber seine Geschöpfe nicht im Stich, er reisst einen langen, trockenen Stängel eines Riesenfenchels aus, stösst sich von der Erde ab, saust durchs Weltall und trifft zeitgenau den in 152 Millionen Km entfernt vorbeirasenden Feuerwagen des Helios. Am funkensprühenden Rad des Sonnenwagens entzündet Prometheus sein Dürrkraut. Mit der lodernden Fackel eilt er zur Erde zurück und setzt einen riesigen Holzstoss in Brand - an dem können sich seine Menschen nun das Fleisch garbraten.

 

Verloren im Kaukasus

Jetzt geht Zeus aber dieser renitente Halbgott endgültig auf den Sack. Er lässt Prometheus einfangen und in die schlimmste Einöde des Kaukasus verschleppen. Dort wird er durch Hephaistos (Gott der Schmiede) über einem tiefen Abgrund mit einer schweren Kette an die Felswand geschmiedet. Prometheus muss einsehen, dass seine endgeile Feuernummer wohl sein letzter Gig war.

Am nächsten Morgen fliegt ein riesiger Adler gegen den wehrlosen Prometheus, krallt sich an ihm fest und reisst ihm die Leber aus dem Leib. Seine Schmerzensschreie sind bis an die Ufer des Schwarzen Meeres zu hören.

In der Nacht bildet sich aber eine neue Leber, denn Prometheus ist ein Halbgott und folglich unsterblich. Von nun an aber kommt jeden Morgen dieser gierige Vogel angeflogen und reisst ihm mit seinem scharfen Schnabel das frischgewachsene Organ wieder aus der Bauchhöhle. Jahrhunderte lang. Vergeblich fleht Prometheus um Gnade. Wind und Wolken, die Sonne und die Flüsse macht er zu Zeugen seiner Pein. Doch Zeus bleibt unerbittlich.

 

Hoffnung

Auch die Menschen bekommen ihr Fett weg. Zeus ersinnt eine Hinterhältigkeit sondergleichen. Er lässt eine künstliche, aber naturgetreue Schönheit aus Lehm anfertigen, zieht ihr das schönste Kleid von Athene über, verleiht ihr die bezaubernde Stimme von Hermes und den holden Liebreiz der Aphrodite. Zeus tauft sein aufgebitchtes Trugbild hämisch auf den Namen Pandora, die Allschenkende. Er schickt sie mit einer Büchse in der alle der Menschheit bis dahin unbekannten Übel wie Arbeit, Krankheit, Tod usw. enthielt auf die Erde, mit der Mahnung die Büchse ja nicht zu öffnen. Der Göttervater spekuliert natürlich, dass gerade dieses Verbot die Neugier der Pandora aufreizen würde nachzuschauen was die Büchse denn enthielte. 



Göttervater Zeus macht die schöne Gestalt Prometheus’ Bruder Epimetheus (der nachher Denkende) zum Geschenk. Der Nullchecker Epimetheus heiratet die geschenkte Bitch. Jetzt öffnet die «Allschenkende» die Bombe und alles Unglück fliegt hinaus in die Welt. Einzig die Hoffnung bleibt in der Büchse zurück. Was aber eigentlich gar nicht sein kann, der Mensch lebt ja von der Hoffnung.

Nach der Auffassung des Philosophen Friedrich Nietzsche, ist die Hoffnung in Wahrheit das grösste Übel aller in der Büchse der Pandora befindlichen Flüche:

„Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch wenn noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.“

 

Derweil hängt Prometheus immer noch an den Felsen gekettet im Kaukasus. Kurz bevor er endgültig schizo wird, erfährt Herkules von seinem Schicksal und empfindet mit dem Unseligen Mitleid. Er macht Göttervater Zeus einen originellen, wie salomonischen Vorschlag: Prometheus soll eine enge Kette um den Ringfinger geschmiedet werden, in dem ein Stückchen Stein aus dem Felsen vom Kaukasus eingelassen ist. So könne Zeus bis in alle Ewigkeit behaupten, dass Prometheus noch immer an den kaukasischen Felsen gekettet sei.

 

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