Meine erste Hose 


Das frühste Kleidungsstück, an das ich mich erinnere, ist eine kurze, abgewetzte, bayrische Lederhose. Ihre Herkunft ist mir bis heute unbekannt. Die beiden Hosenträger waren mit einem verzierten Lederband, auf dem plastisch ein Edelweiss prangte, auf Brusthöhe verbunden. Weiter hatte sie einen Hosenlatz, den man herunterklappen konnte und dann lag die ganze Katapfui-Zone frei. Ich machte im Kindergarten mit dem exklusiven Kleidungsstück nicht nur bei den Buben mächtig Eindruck.

Das nächste prägende Outfit war mein erster Anzug. Traditionsgemäss bekam ich zur Ersten Heiligen Kommunion meinen ersten Herrenanzug und eine lederne Brieftasche. Ich habe mich auf die symbolische Aufnahme in die Erwachsenenwelt sehr gefreut.

Das Ganze hatte natürliche einen Haken. Mein Vater war immer noch sehr in seiner unglücklichen Jugendzeit verhaftet. Er träumte als Jugendlicher von seinem ersten Anzug mit den damals modischen, englischen Knickerbocker-Hosen. Aber im Waisenhaus musste er sich zur Konfirmation mit einem ausgetragenen Anzug aus dem Kleiderfundus begnügen. Nun meinte er, alle seine Söhne müssten eben diesen ihm verweigerten Modeartikel, also Knickerbocker, als erste Erwachsenenhosen anziehen. Er war auch von meiner Mutter, die meinem um 2 Jahre älteren Bruder nach dem Fest umgehend das verhasste Kleidungsstück in eine normale, lange Hose umarbeitete, nicht von seinem Wahn abzubringen, auch der Jüngste müsse nun seinen unerfüllten Kinderwunsch nach einer Knickerbocker-Hose nachträglich stellvertretend erfüllen.

Logisch, dass ich mich weigerte, mit «Chegelfänger» den Schritt in die Erwachsenenwelt zu gehen. Trotz der morgendlichen Kühle im März, zog ich zur Initiations-Zeremonie die zum Anzug gehörende kurze Hose an.

Noch in der nächtlichen Dunkelheit startete der feierliche Umzug durchs Quartier.                             

Man beachte die mit Mutterspucke geglätteten Haare.

 

Am wohlsten war mir in der Wölfliuniform. Hier beim spontanen Regeln des Verkehrs.



Sexy, mein Schwesterchen mit dem neuen Wonder-Bra

 

Aber schon während meiner Lehrzeit im Fotostudio trug ich gerne Anzug und Krawatte. Anfänglich ziemlich unpassend im légeren Werbebiz. Aber nach der Phase des Sauglattismus in der Werbung wurde der korrekte, schwarze Anzug zum Markenzeichen von Kreativen.

Mass-Hemd von der gleichen Schneiderin die auch die Show-Hemden für Bandleader Hazy Osterwald nähte ;-). Die Bilder wären Teil einer nie gemachten theatralischen Foto-Collage gewesen.

Ich habe mal im «Salut le copain» ein Foto von Johnny Hallyday mit weissen Segelschuhen gesehen. Sofort habe ich bei Ochsner Sport weisse Turnschuhe gekauft und bin stolz ins daneben liegende Künstler-Caffè Odeon gegangen.

Kaum hatte ich mich gesetzt kam der Chef de Service, genannt «Eichhörnli», ein eigentlich liebenswürdiger, kleiner, immer geschäftiger Mann mit einer grossen Adlernase, an meinen Tisch, zeigte auf meine neuen Schuhe und sagte im Ton einer Gouvernante: « Ziehen sie das nächste mal anständige Schuhe an. Wir sind hier nicht auf dem Tennisplatz»!

 

Wir mussten in den 60ern um jedes Haar kämpfen.

 

Never-seen-before

Ende der 60er Jahre wurde zu meinem Leidwesen die klassische Bundfaltenhose zum Inbegriff von Kleinbürgerlichkeit und somit für einen aktiv Beteiligten der Jugendunruhen 1968 zu einem absoluten No-go. Ich wollte aber auf meine chicen Yves Saint Laurens Tschöpli nicht verzichten und zog desshalb frech Blue Jeans zum Veston an. Einige Leute schauten als hätte ich Knickerbocker an, andere hatten nur ein Kopfschütteln oder ein mildes Lächeln für mich übrig.

Eines Abends bin ich mit einem Fotomodell aus Paris ausgegangen. Nach dem Essen wollten wir noch tanzen gehen. Aber schon im Eingang zum angesagtesten Dancing jener Zeit, wurden wir vom Geschäftsführer angehalten. Meine Begleiterin hatte einen modischen, weissen prêt-à-porte Hosenanzug aus Paris und High Heels an. «Frauen in Hosen», sagte der Chef barsch:» sind hier unerwünscht, und ebenso Männer die zum Jackett Jeans tragen».

Etwa ein Jahr später wurde ich von der Modezeitschrift «Annabelle» zum «Best angezogenen Mann» gewählt.

Annabelle Redaktorin im weissen Hosenanzug - Modepapst Dschingis in Samt und der Preisträger mit Seidenhemd und angesagtem Bonny and Clyde - Anzug.

Später kam noch das James-Bond-Köfferli dazu.


Ich hatte ich schon früh meinen dandyhaften Kleidungsstil gefunden. Die Manieren eines Gentlemans mussten mir die Frauen aber noch beibringen.


Aber auch in ganz anderen Gewändern machte ich in meiner Jugend Furore



Diese Posen und Gesichtsausdrücke der Manequins , abgesehen von den biederen Lümpen  – Peinlich, wenn Junge das sehen würden.

 

Ein weiteres «Never-seen-before»

Bei einem Dreh bekam ich von der Equipe ein weisses Rundkragen-Unterleibchen mit dem roten Aufdruck «Total gstöört» geschenkt. Der Ausdruck «Total gstöört» hatte in den 80igern eine Doppelbedeutung, einmal «Irre im Kopf» aber auch «Irre gut».

Am nächsten Morgen zog ich das Leibchen an, musste aber das Hemd weglassen, sonst hätte man ja die Aufschrift nicht gesehen. Und wie gewohnt ein Veston darüber. Ich fand aber den Kontrast zwischen elegantem Sacco und profanem Leibchen noch nicht krass genug und habe deshalb ein Smoking-Jacket über das Unterleibchen angezogen. Ich hatte damit bei meinem Auftritt im Studio übermässigen Erfolg.

Eine eklige Mode

Ich habe das unkonventionelle Out-Fit nur noch 2-3 Mal mit einer roten Jeans zusammen getragen. Denn schnell bemerkte ich, dass das Hemdlostragen am Jackett grusige Verspeckungen vom Nacken am Kragen hinterlässt. Ein Hemd kann man waschen ein Sacco nicht!

Dass diese möchtegernunkonventionell Unsitte sich bis hin zum kleinsten Kleinbürger verbreitet hat, und bis heute unvermindert anhält, kann ich nur mit dem gleichen verständnislosen Kopfschütteln quittieren, wie damals die Leute die erstmals meine Veston-Jeans Kombi gesehen haben.

 

Je mehr Leute im Büro am Computer arbeiten – Um so mehr sieht man Kleidung die Attribute von schwerer körperlicher Arbeit zeigen.

Zerschlissene Jeans für 300.- Franken oder auch billigere bei denen man halt die Risse selbst macht, so kann man die Einheitskleidung wenigstens noch ein bisschen personalisieren. 

Oder Carcohosen in denen der Duft der grossen weiten Dockarbeiter-Welt weht.

Und Fussbekleidungen wie Meldeläufer.

Zugegeben ich trage das Hemd jetzt auch meist über die Hose. Weils bequemer ist und zudem den Bauchansatz besser cachiert.


Endlich, mit etwa 30, habe ich in Japan Ersatz für meine Wölfli-Uniform gefunden: Hakama und Gi.



Wie Modeströmungen entstehen können


Die Bundfaltenhose wurde zu den Culottes der 68er Generation. Die Culottes waren Kniehosen die dem französischen Adel vorbehalten waren. Das proletarische Volk trug lange Hosen (sie hatten ja auch keine Seidenstrümpfe zum Herzeigen). Der frühkommunistische Flügel in der Französischen Revolution von 1789 nannte sich provokativ «Sans-Culottes».

Ich glaube es gibt Zeiten in denen an vielen Orten weltweit gleichzeitig ein Wandel durch die jungen Menschen vorgeht und die Abkehr von überkommenen Werten angesagt ist, der sich auch im Drang sich mit der Kleidung abzugrenzen manifestiert. So meine ich ist auch die Veston-Jeans Kombi entstanden. Nicht von einem Einzelnen ausgehend, sondern einem kollektiven Bedürfnis gutgekleideten, jungen, nicht ganz unpolitischen Männern entsprungen.

 

Anders sieht es meiner Meinung nach mit dem Weglassen des Hemdes aus. Ich könnte gut fantasieren, dass ein angesagter Hollywood-Schauspieler am Morgen die Zeitung aus dem Briefkasten holen will. Und da die morgendliche Kühle noch über Beverly Hills liegt und der Actor noch im Nachtleibchen war, griff er nach dem nächstliegenden Kleidungsstück, seinem Veston den er Gestern zu einer Fimpremiere anhatte und geht vor die Haustür. Hinter einem Busch lauert aber ein Paparazzo der ein Foto macht. Weiter karl-mayt eine In-People-Redaktorin den Schnappschuss nachher zu einer amourösen Fashion-Story hoch, die scheinbar glaubwürdig kolportiert, dass der smarte Promi in diesem Aufzug zu einem Date mit irgend einer Hollywood-Schönen gegangen sei.

Das gelangweilte Establishment vereinnahmt den gefakten Modeschrei sofort und meint es führe mit dem Verzicht aufs Hemd einen Befreiungsschlag aus.



Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.


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