Selbst- und
Fremddarstellung
von Personen und
Gruppen
Die Hand des Menschen
Der früheste Aus(Ab)druck des Individuums findet man in der Höhlenmalerei der Frühzeit. Die Menschen füllten ihren Mund mit Erde und Wasser, legten ihre Hand auf den Felsen und pusteten eine Spraywolke gegen die Wand. Auch zerriebener Kalkstein oder ähnliche Mineralien nutzten sie um ein ewiges Abbild ihrer persönlichen Hand zu schaffen.
Im Mittelalter formte sich die flache Hand zur bedeutungsvollen Geste die Stellung und Situation klärte. Die Gesichter waren noch nicht individualisiert, nur an Kleidung, Position im Bild und der comichaften Fingersprache konnte man die Figuren und Szenen einordnen. Sie ist vor allem im Rechtsbuch «Der Sachsenspiegel» von 1230 ausgeprägt vorhanden.
Aber auch in der Blüte des niederländischen Gruppenportraits
am Ende des Mittelalters litten einige Maler an einer wahren «Manomanie». So
Dirck Jacobsz in seinem Triptychon von 340 cm Breite und 122 cm Höhe.
Die Augen des Künstlers
Nachdem Albrecht Dürer das erste Künstlerportrait in Frontalansicht mit direktem Bick zum Betrachter malte (Selbstliebe in jedem Pinselstrich), legten viele Maler vermehrt Wert auf einen provokanten Blick. Der direkte Blickkontakt mit dem Betrachter ist bis in die Gegenwart hinein ein Charakteristikum vieler Künstlerselbstporträts geblieben.
Genco Gulan (2011)
Jan van Eyck, 1433
mit rotem «Turban», kann als Reminiszenz an die Arabische Kultur gesehen werden.
Rembrandt verhindert in diesem Selbstportrait durch das
abgeschattete Gesicht dem Betrachter den Blick in seine Augen (Fenster der
Seele). Im Betrachter kann hingegen das Gefühl aufkommen, als würde er von
Rembrandt beobachtet und nicht umgekehrt.
Kleinbürger in Herrscherpose
Das lebensgrosse Gemälde von Frans Hals zeigt den
wohlhabenden Garn-Händler Willem van Heythuysen. Er steht in theatralischer Pose vor
einem lumpigen, zerknitterten Vorhang. Um so mehr wirkt der Dargestellte
herausgeputzt. Mit geschwellter Brust blickt der Garnhändler von Oben herab,
die Linke eingestützt, umfasst die Rechte einen kostbaren Degen. Die Füsse in
schwarzen Lackschuhen mit halbhohen Absätzen muten an als wollten sie zu einem
Pas de deux ansetzen.
Ein breitkrempiger schwarzer Hut umrahmt ein ziemlich gewöhnliches Gesicht: derb, mit starken Wangenknochen, einer kräftigen Nase, modischem Schnurr- und Kinnbart sowie auffallend grossen (Spock-) Ohren. Eine kostbare Spitzenkrause umschäumt den Kopf.
Ganz anders aber in der gleichen Manier hat Franz Hals den
Fadenverkäufer ganz privat porträtiert. Wieder ein armseliger Hintergrund,
Aschgrau, ein blasses nichts sagendes Landschaftsbild an der Wand, auf dem
leeren Tisch lediglich ein Buch, ob es sich um ein Gebetsbuch oder um das
Kassabuch handelt weiss man nicht. Von Rechtsoben hängt ein zusammengeknüllter
staubig-gelber Vorhang, in dessen Wulst man eine Donald-Duck-artige Fratze
sehen kann.
Der Hausherr hat den Hut aufbehalten, sonst scheint er eher
legér angezogen. Jedoch hat er Reiterstiefel samt Sporen an. Mit den Händen
spannt er eine Gerte. Scheinbar führt er auch im Haus ein strenges Regiment.
Die einzigen Farben sind unter seinem Gesäss. Er sitzt auf einem roten Kissen
auf dem bereits bunt gepolsterten Stuhl. Der gewichtige Mann kippt lässig den
Stuhl nach hinten, ohne zu bedenken, dass die teilweise sehr dünn gedrechselten
Stuhlbeine unter seinem Gewicht jederzeit brechen könnten.
Zusammen aufs Bild - Gruppenporträts
In der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts erlebte
das Gruppenbild eine besondere Blütezeit. Ärzte, Schützen, Stadtwachen,
Kleriker und Heimleiterinnen liessen sich gemeinsam aufs Bild bannen.
Die Anatomie des Dr. Tulp von Rembrandt van Rijn. 1632
Zwei Personen auf diesem Gemälde sind besonders exponiert:
Die eine ist der Arzt Dr. Nicolaes Tulp, der den anwesenden Zuschauern anhand
der Sektion des linken Armes der zu obduzierenden Person die Skelettmuskulatur
erklärt. Die andere ist der auf dem Tisch liegende Tote, gemeinhin als Adriaan
Adriaanszoon identifiziert, was jedoch zunehmend angezweifelt wird.
Adriaanszoon war ein gewalttätiger Strassenräuber, der wegen seiner Verbrechen
gehängt wurde.
Anatomie-Vorführungen waren im 17. Jahrhundert ein
gesellschaftliches Ereignis. Sie fanden in hörsaalähnlichen sogenannten
anatomischen Theatern statt; das Publikum, oft Zunftkollegen, Studenten und
Honoratioren, musste Eintritt bezahlen. Mit dem eingenommenen Geld wurden die
an der Schaustellung beteiligten Personen entgolten.
Die abgebildeten Zuschauer sind dem gesellschaftlichen
Anlass entsprechend feierlich gekleidet, es sind ebenso wie Dr. Tulp Mitglieder
der Amsterdamer Gilde der Barbiere und Chirurgen. Der hohe Rang Tulps zeigt sich
darin, dass er im Saal den Hut aufbehalten hat. Es wird ebenfalls angenommen,
dass die Person links im Bild, sowie die im Hintergrund über allen anderen
Zuschauern stehenden Figuren erst nachträglich in das Bild eingefügt wurden.
Rembrandt war erst 25 Jahre alt als er das Bild malte. Doch
bereits hier, besonders in der Gestaltung des Toten, zeigt sich eine Eigenart,
die Rembrandt in späteren Jahren immer öfter praktizierte: das Abschatten von
Gesichtern (Portrait oben), das als Andeutung der «umbra mortis» (Schatten des
Todes) gedeutet wird.
Schützenbild mit der Dynamik eines Geschosses
Bankett der Offiziere der St. Georg– Schützengilde in
Haarlem 1616, Frans Hals
Die raffinierte Bildkomposition bewirkt eine rasante
Links-Rechts Dynamik, die durch den Rechts-Links Verlauf der rotweissen
Schärpen weiter verstärkt wird. Sowohl die Gruppendynamik wie die
Persönlichkeit der Individuen zeigt dieses Gruppenbild eindrücklich.
Bild der königlichen Familie
Als besonders schonungslos in seiner realistischen Darstellung überrascht «Die Familie Karls IV.», von Goya, entstanden im Jahr 1800. Ein zeitgenössischer Kritiker äusserte: der König und die Königin „sähen aus wie ein Bäcker und seine Frau nach einem Lotteriegewinn.“
Goya stellt sich auf dem Bild hinter seiner Staffelei als subjektiver Beobachter der Familie des Königs dar (und Queen-mom braucht dringend einen Gin-Tonic).
Ein Gruppenporträt der Königsfamilie von Thomas Kluge sorgte
für Wirbel in Dänemark. Das Bild zeigt Königin Margrethe II. mit ihrem Mann
Prinz Henrik, ihren beiden Söhnen, deren Frauen und den acht Enkelkindern. Im
Mittelpunkt des Porträts steht der achtjährige Prinz Christian, nach seinem
Vater Kronprinz Frederik Zweiter in der dänischen Thronfolge.. Journalist
Norbert Loh, der für "Die Aktuelle" als Hofberichterstatter arbeitet,
schrieb böse Kommentare zu dem Bild wie "Ach du liebe Zeit. Es sieht aus
wie das Werbeplakat für einen Horrorfilm." Eine Leserbrief-Schreiberin
kommentiert: "Erinnert an 'Das Omen'", wieder andere fühlen sich an
die "Addams Family" erinnert
Kitschige Fremddarstellung des Bauernleben
Die Bürger von Amsterdam hatten ein verzerrtes oder
verklärtes Bild des Bauerntums. Also schufen die Maler Bilder, die sie auch
verkaufen konnten. Die Landbevölkerung wird, im Gegensatz zu Bildern aus
Deutschland, nur selten bei der Arbeit gezeigt. Besäufnisse, Schlägereien,
Falschspielereien und anderes unzivilisiertes Verhalten sind die häufigsten
Sujets der frühen Neuzeit in den Niederlanden. Manche Bilder entbehren auch
nicht einer gewissen Komik.
Raufende Bauern „ Streit beim Kartenspiel“ von Adriaen Brouwer (1632)
Bäurische Saufkumpane
Wer hat sich wohl solche Bilder in die Stube gehängt? Vielleicht ein Hausherr der gerne saufen, gorbsen, furzen oder sich sonst wie ordinär
Benehmen möchte, aber nicht darf und auf
dem Bild seine unerfüllten Wünsche sieht. Oder ein halbkultivierter Bürger der
sein distinguiertes Benehmen gegenüber der derben Bildszene hervorheben möchte.
Pieter Aertsen (1609 –1575) schuf mit seiner Gattung der bäurischen
Markt- und Küchenbilder ein neues Genere der scheinbar im Überfluss lebende
Bauern und hat damit die flämische Stillleben-Malerei massgeblich beeinflusst.
Les Crêpes
Verräterische Spiegelbilder
Das Abbild des Spiegels scheint die Realität zu reflektieren, doch der Gespiegelte wandelt häufig die geschaute Wirklichkeit in trügerischen Schein, oder umgekehrt.
Jan Vermeer - Junge Frau am Spinett
Das Bild zeigt eine Frau die musiziert und ein Mann der zuhört. Jedoch im Spiegel ruht ihr Blick nicht auf den Tasten des Spinett, sondern betrachtet den jungen Mann. Dieser berührt mit der rechten Hand das Instrument und signalisiert mit dieser Geste eine gewisse Vertrautheit. Das Spiegelbild entschlüsselt die reizende Szene.
Männer in Spiegelpose als Held oder Opfer
Der Tod steht hinter dir - Hinterhältiger Magier täuscht gutgläubiger Frau den nahenden Tod im Spiegel vor.
Selbstbildnis als Karikatur
Joseph Ducreux portraitierte von Königin Marie Antoinette über Revoluzzer Robespierre bis Kaiserin Maria Theresia fast alle die im ausgehenden 18. Jahrhundert Rang und Namen hatten. Alle in manierlicher Pose, nur sich selbst malte er als clowneske Posse.
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Kontakt alexander@jent.ch



























