Selbstliebe
in jedem Pinselstrich
Die Selbstbildnisse
von Albrecht Dürer
Das „Selbstbildnis im Pelzrock“ zeigt Dürer in teurer
Kleidung die er bis vor kurzem noch gar nicht hätte tragen dürfen. Eine Schaube
mit einem Kragenbesatz aus Rückenmarderpelz war nur
Adligen und den Mitgliedern des Hohen Rates erlaubt, wie es die reichsübergreifende
Kleiderordnung der Reichspolizeiordnung festhielt. Kurz zuvor wurde er in den
Hohen Rat gewählt.
Dürer weist nicht ohne Stolz mit seiner eigenartigen
Fingerhaltung auf die feine Beschaffenheit des Rückenmarderpelzes hin. Mit
grenzenloser Akribie malte er die Tausenden von dreifarbigen Fellharen seines
elitären Prunkstücks. Auch mit der Frisur hat er grossen Aufwand betrieben, mit
feinem Pinsel hat er Rasta-Locke um Rasta-Locke gezogen.
Die Verknüpfung der «Imitatio Christi» (Nachahmung Christi),
die eindeutig in dem Selbstporträt zu finden ist, die hierarchische Pose mit
der Pelzschaube als Symbol für Recht und Gerechtigkeit, zeigt deutlich, dass
Dürer seinen Status nicht nur als Künstler sondern auch als Weltenrichter
verstand. Dürers Christusikone verschmelzt somit den Künstler als Schöpfergott
- „Alter Deus“ - mit dem endzeitlichen Richterbegriff.
Ausser seinem genialen Logo steht auf dem Bild: "So
malte ich, Albrecht Dürer aus Nürnberg, mich selbst mit unvergänglichen Farben
im Alter von 28 Jahren".
Albrecht Dürer verstand es schon früh, kunstvolle
Selbstportraits zu zeichnen, sogar mit Silberstift, einem Werkzeug, das keine
Korrekturen zulässt.
„Dz hab Ich aws eim spigell nach mir selbs kunterfet Im 1484
Jar Do ich noch en kint wad. Abricht Dürir“
Selbstbildnis mit
Eryngium (=Symbol der Passion Christi)
«Selbstbildnis mit Eryngium» ist nicht nur von der weiblichen
Anmutung her ein typisches Frauenportrait, die Lieblingsblume mit aufs Bild zu
nehmen ist ein unverkennbares Attribut von Weibsbildern. Die halbentblösste Schulter,
die den Blick auf den roten Träger des femininen Unterkleides frei gibt, die in
den Nacken fallenden Haare, der rote Kopfputz und natürlich das «Männertreu» in
seiner Hand machen das Bild endgültig zumindest zu einer androgynen Selbstdarstellung.
Inschrift am oberen Bildrand unter der Jahreszahl 1493: «My
sach die gat / als es oben schtat» gemeint ist wohl: Meine Sachen werden von
oben bestimmt. Ob er damit seine homophile Neigung meint oder damit als «Divino
artista» seinen Pinsel in Gottes Hand legt, bleibt unklar.
1494 heiratete Albrecht Dürer die von seinem Vater
ausgesuchte Braut Agnes Frey die allerdings nur 200 Florin Mitgift in die Ehe einbrachte.
Die Ehe blieb kinderlos.
Auffällig ist der „schiefe“ Blick, ein Kennzeichen fast
aller Selbstbildnisse Dürers. Die rechte Pupille ist im äussersten Augenwinkel,
während die linke Pupille fast geradeaus schaut. Dieser Blick ist damit zu
erklären, dass sich Dürer von der Seite im Spiegel betrachtet hat. Mich
erinnert sein Gesichtsausdruck an den Blick von Frauen, die im Spiegel ihr
Make-up kontrollieren.
Selbstbildnis mit Landschaft
Nach seiner Reise nach Italien zeigt sich der modebewusste Maler
in venezianischem Chic. Im Fenster sieht man die Alpengrenze, die er überquert
hat und in die unbekannte romanische Welt eingetaucht ist und damit vom
beschränkten Provinzler zum Weltmann mit erweitertem Horizont geworden zu sein
glaubt.
Mit italienischer Lässigkeit legt er seinen Arm auf einen Sims wie auf eine Bar-Theke. Der leicht gedrehten Kopf, sowie das Fenster im Hintergrund zeigen, dass Dürer die neuesten Ansätze venezianischer Porträtkunst übernommen hat.
Die Mütze entspricht der neuesten italienischen Mode auch
das Gewand mit der feinen Gold-Stickerei am Decolleté zeugt von hoher Eleganz.
Die sorgfältig ausgeführten
engelhaften Ringellocken strahlen golden.
In Deutschland wurden zu Dürers Zeiten – anders als in
Italien – Künstler noch als reine Handwerker angesehen. Dürer stellt sich aber hier
als aristokratischen, stolzen jungen Mann dar, der Gelassenheit zur Schau
trägt.
Die britische Eremitin und BBC Kunstmoderatorin Schwester
Wendy Becket meint dazu: «Seine modische, aufwendige Kleidung verrät ebenso wie
die dramatische Berglandschaft, die man durch das Fenster sieht (und die seinen
erweiterten Horizont andeuten soll), dass er sich selbst für alles andere als
einen beschränkten Provinzler hielt.»
Dürer auf Altarbildern
Auch auf den lukrativen Altarbilder setzte sich Dürer gerne zu den Heiligen, manchmal noch mit einer persönlichen Botschaft. Beim «Rosenkranzfest» für die Kirche San Bartolomeo in Venedig lehnt er sich an einen Baum und schmuggelt unauffällig eine Botschaft ins Bild: «Exegit quinque mestri / spatio Albertus / Durer Germanus MDVI / AD». Mit diesem Zettel weist Dürer darauf hin, dass er das Gemälde in nur fünf Monaten des Jahres 1506 geschaffen hat.
Man sieht`s am schnellen, flüchtigen Pinselstrich.
An seinen Freund und Mäzen Willibald Pirckheimer schrieb er
zu seinem Werk: „Ich teile Ihnen mit, dass es kein besseres Marienbild im
ganzen Land gibt als das meine.“
Pirckheimer auf einem Kupferstich von Dürer (1524)
Ganzes Altarbild «Das Rosenkranzfest»
1509 erhielt Dürer den Grossauftrag zum so genannten Heller-Altar vom Frankfurter Tuchhändler und Bürgermeister Jakob Heller. Albrecht Dürer steht zwar im Hintergrund, jedoch praktisch im Zentrum des Bildes. Er deutet mit der Rechten auf eine Tafel mit seinem Logo und der Datierung. Interessant sind hingegen seine Beine die an der Grenze des anatomisch Möglichen platziert sind (Standbein muss über dem Kopf stehen und verläuft senkrecht in den Körper). Die stark gezeichneten Zehen ähneln Tigerkrallen. Hängt hinten ein Schwanz herunter? Oder lehnt er an einen verlängerten Melkstuhl, was die extreme Beinstellung erklären würde?
Landauer Altar
Das Allerheiligenbild stellt die Anbetung der Heiligen
Dreifaltigkeit durch die Gemeinschaft der Heiligen mit allen Christen dar. Gottvater
thront auf den Wolken und stellt den gekreuzigten Christus zur Schau. Darüber
schwebt der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube.
Das Gemälde wird meist als Vision des Gottesstaats (Civitas
Dei) gesehen, der nach dem Jüngsten Gericht, gemäss der Beschreibung des
Kirchenvaters Augustinus entstehen soll.
Jedoch fast wichtiger ist der gewaltige Rahmen des Bildes
den Dürer selbst entworfen hat und durch den bekannten Bildschnitzer Veit Stoß
hat ausführen lassen. Thema des Rahmens ist das Weltgericht. Im Giebelfeld ist
Christus als Weltenrichter zu sehen. Ihm zur Seite flehen Maria und Johannes
als Fürsprecher der Menschheit. Zu beiden Seiten trompeten kleine Putenengel zum
Jüngsten Gericht.
Im Fries ist links der Zug der Erlösten dargestellt, die von Engeln zur Sonne geleitet werden, rechts dagegen werden die Verdammten von Teufeln in den Rachen der Hölle getrieben. In der Mitte ist ein Kampf um die Seele eines am Boden liegenden Auferstandenen dargestellt.
In Anbetracht des bombastischen Werkes wirkt Dürers Auftritt eher bescheiden.
Auf dem Jabacher Altar stellt sich Dürer selbst als Trommler neben einem Flötenspieler in sexy Strumpfhosen dar.
Marter der zehntausend Christen
Bei der «Marter der zehntausend Christen» befindet sich Dürer, unbeteiligt vom Geschehen um ihn herum, in der Bildmitte. Hier steht er in Begleitung eines älteren Mannes, dessen Identität nicht geklärt ist. Es wird vermutet, dass es sich dabei um den Humanisten Conrad Celtis handeln könnte. Die beiden sind aus einer anderen Zeit und betrachten disputierend das längst vergangene Geschehen (Zeitsprung im selben Bild).
Gezeigt wird der Märtyrertod von zehntausend Christen, die nach der Legende um das Jahr 140 gefoltert und hingerichtet wurden. Die Märtyrer werden geköpft und gekreuzigt, mit einem Holzhammer werden ihre Schädel zerschlagen oder sie werden sonst irgendwie zu Tode geschunden.
Auf einem Cartellino, den Dürer auf einem Stab hält, ist das Gemälde signiert und datiert: Iste faciebat anno domini 1508 albertus dürer alemanus, es trägt zusätzlich Dürers Monogramm.
Das Gemälde ist ein absolutes Wimmelbild mit einem Durcheinander von nackten und bekleideten Figuren. Auch die Landschaft mit knorrigen Baumformen und urwaldähnlicher Vegetation ist eher ungewöhnlich für Dürer.Eine Menschenkolonne wird auf einen Felsen hochgetrieben und
von dort in den Abgrund gestürzt. Im Mittelgrund nähern sich Henker einem
Bischof in vollem Ornat.
Hoch zu Ross mit Zepter und weissem Riesenturban der
alte Perserkönig Sapor II. der die Christenverfolgung befohlen hat. Unten sein
Sohn nicht minder prächtig gekleidet gibt Anweisung zum qualvollen Töten eines
Christen.
Dieses grässliche Massaker bot Dürer die Möglichkeit zur Darstellung ungewöhnlicher körperlicher Verrenkungen. In keinem anderen Werk hat er eine so grosse Zahl an verschiedenen Körperstellungen dargestellt. Bei der Zusammenstellung der Szene schöpfte Dürer aus seinen umfangreichen Skizzenbüchern. Auch wenn er keine 10.000, sondern lediglich 60 Märtyrer und etliche Schergen darstellte, handelt es sich wohl um sein figurenreichstes Gemälde.
Aquarelle
In seiner Freizeit malte Albrecht Dürrer gerne liebliche Aquarelle.
Weiher im Walde, Aquarell um 1495
Das grosse Rasenstück, Aquarell um 1503
Drei Livländische Damen, 1521
Auf einer undatierten Skizze im Brief an seinen Arzt zeigt
Dürer auf seine Milz-Region und schreibt: „Do der gelb fleck is und mit dem
finger drawff dewt do is mir we.“
Dürer starb überraschend am 6. April 1528, kurz vor seinem
siebenundfünfzigsten Geburtstag. Bis zu seinem Tod war er äusserst produktiv
tätig, wobei er wohl zuletzt an der Vorbereitung zum Druck seiner theoretischen
Hauptschrift zur Proportionslehre arbeitete.
«Der Selbstauslöser»
Ego-Shot von 1966
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Kontakt alexander@jent.ch


















