«Das trügerische Gedächtnis»
Eigentlich haben wir gar keine authentischen Erinnerungen.
Denn jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung hervorholen verändern wir sie und
überschreiben dabei das Original. Die forensische Psychologin und
Gedächtnis-Forscherin Dr. Julia Shaw zeigt in ihrem Buch «Das trügerische
Gedächtnis» in amüsanter Weise wie wir Erinnern.
Anlass, Gesprächspartner, Reaktionen, Formulierung, eigene
Verfassung, neue Erfahrungen, Verbalisierung, suggestive Befragung usw.
verfremden das ursprünglich Erlebte.
Beispiel: Ein Teenager wagt in einer lauen Sommernacht den ersten Zungenkuss. Bezeichnen wir ihn als: Erster Kuss 1.0
Erster Kuss 1.1
Ein unbeschreibliches Erlebnis, trotzdem beschreibt sie es
in ihrem Tagebuch.
Erster Kuss 1.2
Sie erzählt es am nächsten Tag ihrer im Küssen noch
unerfahrenen besten Freundin.
Erster Kuss 1.3
Sie beichtet es ihrer besorgten Mutter.
Erster Kuss 1.4
Am Klassentreffen gesteht ihr erster Kusspartner nach 10
Jahren seine eher negativen Empfindungen beim ersten Kuss.
Erster Kuss 1.5
Sie heiratet einen schlechten Küsser und schwärmt über ihr
erstes Kusserlebnis.
Erster Kuss 1.6
Sie spricht mit ihrer 13-jährigen Tochter darüber.
Erster Kuss 1.7
Sie lässt auf dem Sterbebett ihre Jugend revuepassieren.
Es gibt kein zentrales Erinnerungsareal im Gehirn. Wie alles
was uns in den Sinn kommt, setzt sich auch das Erinnern aus Beiträgen
verschiedener Assoziationsfelder zusammen. Und nicht immer dringen dieselben
Komponenten ins Bewusstsein. Auch affektive Impulse, die mit dem Memorierten
nichts zu tun haben, aber die Form der Erinnerung stark beeinflussen können,
werden wahlweise ausgesandt.
Am Anfang war das Erlebte, nicht das Wort
Das Verbalisieren, auch nur in Gedanken, schränkt die
komplexe Erfahrung durch den vorhandenen Wortschatz ein. Alle Sprachen haben aber
kulturspezifische Ausdrücke deren Inhalt in anderen Sprachen umständlich beschrieben werden müssten. So kennt das Finnische das Wort "kalsarikännit"
es bedeutet übersetzt so viel wie "sich in Unterhosen daheim alleine
betrinken". Damit bezeichnet der Finne wohligste Entspannung.
Auch das Schweizerdeutsche Wort «pfüsele» müsste ein Deutscher
wohl mit «ein friedliches Schläfchen machen» übersetzen, damit wäre aber die
ganze «Schnuseligkeit» des Begriffs verloren und das entsprechende Gefühl nur
vage ausgedrückt.
Gebildete Japaner schreiben gerne ein Haiku um Gefühle, für
die es kein Wort gibt auszudrücken.
Ich will auf ihr spielen,
jetzt, wo der Mond und ich
ganz alleine sind.
Schriftlich Erlebtes
Während meines Studiums am Institut für Initiatische
Therapie habe ich meine Träume nachts spontan auf Band gesprochen. Am Morgen
habe ich die Träume aus der Erinnerung aufgeschrieben und später mit den
nächtlichen Aufzeichnungen verglichen. Anfänglich war ich erstaunt über die
Diskrepanz zwischen dem nachträglich Aufgeschriebenen und der spontanen
Tonaufnahme, die trotz beschränktem Vokabular viel authentischer war. Die
Auslassungen und Überhöhungen des schriftlich Festgelegten gaben mir aber
wichtige Hinweise auf mein Wach-Bewusstsein.
Obwohl das Aufschreiben von Träumen und die
Auseinandersetzung damit, wie auch das Führen eines Tagebuches, löblich ist,
besteht die Gefahr, dass das Erlebte durch das verbal Formulierte in der
Erinnerung überdeckt wird.
Die verfälschende Erinnerungsgestaltung ist bei Menschen mit
einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung besonders ausgeprägt. Sie müssen
ihre vermeintliche Unfehlbarkeitsvorstellung und das Berechtigungsdenken
aufrechterhalten. Um Frustrationen durch die Konfrontation mit der Realität zu
vermeiden, können Narzissten Gegebenheiten im Nachhinein problemlos ins
Gegenteil wandeln. So werden sie vom Täter zum Opfer, vom Ausbeuter zum
Gut-Menschen und vom Versager zum verkannten Könner.
Kriminelles Verhör
In Bayern wurde ein Bauer vermisst. Nach anfänglichem
Leugnen gestand die Familie ihn umgebracht, die Leiche zerstückelt
und den Hunden verfüttert zu haben. 2009 wurde ein Auto aus der Donau
gefischt. Auf dem Fahrersitz lag die Leiche eben jenes Bauern der laut
Geständnis seiner Familie umgebracht, zerstückelt und den Hunden verfüttert
wurde.
Dr. Julia Shaw schult und berät die Polizei in
Verhörmethoden, die verhindern, dass Vorstellungen des Verhör-Kommissars durch
suggestive Befragung zu unechten Geständnissen führen. Shaw hat in einer
eindrücklichen Studie mit 70%igem Erfolg bei 60 Probanden bewiesen, dass sich
durch manipulative Interviews falsche Erinnerungen fest einpflanzen lassen.
Das Ausleuchten der eigenen Biographie die in unzähligen, überarbeiteten Erinnerungen besteht, kann zu einer existenziellen Persönlichkeitskriese führen. Dr. Julia Shaw empfiehlt Erinnerungen bewusst ins Positive zu manipulieren, und «Leben sie im Moment alles andre ist sowieso nur Fiktion».
Aus "Die zensationellen Abenteuer des Pilger Mu" Comics von Alex Ignatius
Kurzer, aufschlussreicher Trickfilm zum Thema
Gratis- Hörbuch: Julia Shaw - Das trügerische Gedächtnis (Komplettes Buch)
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Kontakt alexander@jent.ch



