Hündische Lebensweise als Ideal.
Diogenes von Sinope lebt eigentlich nur in Anekdoten. Handfeste Belege seiner Existenz sind kaum vorhanden. Diesen Umstand nutzten Autoren in verschiedenen Jahrhunderten, um eine schillernde Figur zu schaffen die bis heute nachwirkt.
Vermutlich ist er um 405 v. Chr. in Sinope geboren und war wohl Schüler von Antisthenes in Korinth. Sein Ideal war ein absolut einfaches Leben, welches er in der Öffentlichkeit zelebrierte. Obwohl es sich damals nicht schickte, ass er auf der Strasse, auch seine sexuellen Bedürfnisse befriedigte er in aller Öffentlichkeit. Wobei er es vorzog zu Masturbieren da die Vereinigung mit einer Frau Abhängig mache und seine freien Entscheidungen beeinträchtigen würde.
Nachts schlief er meist umringt von räudigen Hunden in
einem zerbrochenen Tonkrug. Tagsüber stellte er sein bedürfnisloses Leben zur
Schau oder ärgerte auf dem Markt die Bürger. Beispielsweise rief er: „Menschen
kommt zu mir!“. Wenn sich ein Grüppchen von Interessierten vor ihm versammelt
hatte fragte er: “Was wollt ihr? Ich habe Menschen gerufen“. Diogenes
war ein echter „Aktionsphilosoph“ von einem geregelten Unterricht hielt er
nicht viel.
Kontrahent Platon
Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch ist ein
federloses zweifüssiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte Diogenes einem Hahn
die Federn aus und brachte ihn in dessen Akademie mit den Worten: „Das ist
Platons Mensch!“
Die logischen Folgerungen von Platon karikierte Diogenes mit seiner eigenen Logik:
Alles gehört den Göttern.
Die Götter sind Freunde der Weisen.
Freunden ist alles gemeinsam.
Es folgt: Alles gehört den Weisen.
Platon nannte ihn in diffamierender Absicht einen "rasend gewordenen Sokrates"
Zwiespältiger Ruf
Die Meinung der Bevölkerung über den aufsässigen Querulanten
war geteilt, die einen sahen in Diogenes einen bewundernswerten Philosophen,
der seine eigenen asketischen Weisheiten selber lebte. Die anderen verachteten
und verspotten ihn, etwa, dass sie Diogenes mit dem Schimpfnamen „Hund“
bezeichneten. Was ihn allerdings nicht kränkte im Gegenteil er fand die
Bezeichnung für sich passend.
Diogenes hatte auch Bewunderer aus aller höchsten Kreisen,
so besuchte ihn Alexander der Grosse. Der Feldherr stellte sich vor den am
Boden liegenden Diogenes und stellte sich vor: „Ich bin Alexander, der grosse
König.“ Worauf Diogenes gesagt haben soll: „Und ich Diogenes, der Hund.“ Der
etwas brüskierte Alexander fragte Diogenes höflich, womit er dem Asketen dienen könne?
„Geh mir aus der Sonne“ antwortete Diogenes barsch. Trotz dieser zweiten
Rüpelhaftigkeit war Alexander der Grosse vom Verhalten von Diogenes scheinbar
begeistert, er sagte zu seinem Diener: “Wahrlich, wäre ich nicht Alexander,
ich möchte wohl Diogenes sein.“
(Laertios, Leben und Lehren der Philosophen, Buch 6, 60.)
Göttliches Glück.
Da Diogenes` Schriften verloren sind und Berichte zu
philosophischen Positionen, die er vertreten hat, weit seltener sind als die
zahlreich überlieferten Anekdoten, sind seine philosophischen Ansichten nur in
groben Umrissen bekannt. Es ist davon auszugehen, dass Diogenes die
grundsätzliche Ansicht vertreten hat, dass richtig glücklich nur der sein kann,
der sich erstens von überflüssigen Bedürfnissen freimacht und zweitens
unabhängig von äusseren Zwängen ist. Ein zentraler Begriff ist dabei auch die
daraus resultierende Selbstgenügsamkeit (autárkeia): „es ist göttlich, nichts
zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“ (Laertios, Leben und Lehren der Philosophen, Buch 6,105)
Diogenes erkannte ausschliesslich die Elementarbedürfnisse des Menschen wie Essen, Trinken, Kleidung, Behausung und Sexualität an.
Die Strebenshierarchie der Güter.
Alle darüber-hinausgehenden Bedürfnissen solle man ablegen meinte Diogenes. Er trainierte sich die verzichtbaren Bedürfnisse selber ab. Um sich
körperlich abzuhärten, hat er sich im Sommer in glühend heissem Sand gewälzt
und im Winter schneebedeckte Statuen umarmt. Und um sich geistig abzuhärten,
trainierte er, Wünsche nicht erfüllt zu bekommen, indem er steinerne Statuen
um Gaben anbettelte. Dieses naturgemässe Sichplagen (pónoi) unterschied
Diogenes von dem viel öfter vorkommenden unnützen Sichplagen, dessen Ziel die
Erlangung von Scheingütern sei.
(Laertios, Leben und Lehren der Philosophen, Buch 6,71.)
In ihren (absichtlichen) Handlungen streben alle Menschen nach etwas, das ihnen gut erscheint. Einige dieser erstrebten Güter werden nur als Mittel erstrebt(Geld), um andere Güter zu erreichen. Anderes Erstrebenswertes sind sowohl Mittel als auch selbst ein Gut (ideelle Werte).
Da das Streben nicht unendlich sein kann, muss es ein oberstes Gut und letztes Ziel des Strebens geben. Dieses wird nur um seiner selbst willen erstrebt. Es wird offenbar allgemein „Glück“ genannt (EN I 1).
Der Hundigkeit auf der Spur.
Von Diogenes ausgehend entwickelte sich der Kynismus
(kynismós, wörtlich „Hundigkeit“) als eine Strömung der antiken Philosophie mit
den Schwerpunkten auf ethischem Skeptizismus (systematisches Hinterfragen) und Bedürfnislosigkeit. Der
Begriff Zynismus wurde ursprünglich ebenfalls für die Lehre der Kyniker
benutzt, hat aber im heutigen Sprachgebrauch eine andere Bedeutung bekommen.
Ausgangspunkt der kynischen Lehre ist ein ethischer
Skeptizismus. Da für die Kyniker weder die verschiedenen Traditionen noch die
wechselnden Bedürfnisse der Menschen ethische Normen begründen können, strebten sie nach
Bedürfnislosigkeit und Natürlichkeit. Damit verbunden war eine Zurückweisung
von kulturell begründeter Scham (z. B. Nacktheit) und Besitz, die sie als
blosse Konventionen betrachteten. Oft lebten Kyniker als Wanderprediger von
Almosen. Eine ihrer Hauptaufgaben sahen die Kyniker in der Steigerung des
ethischen Bewusstseins ihrer Mitbürger, aber nicht durch Belehrung, sondern
durch Satire und Provokation.
Eine Art Vorbild stellten die Tiere dar, da sie einerseits Ansätze zur Kritik an der menschlichen Gesellschaft bieten, andererseits aber auch eine positive Anleitung zu einem glücklichen und richtigen, naturgemässen Leben brachten.
Die Kyniker waren im Gegensatz zu anderen antiken Strömungen der Philosophie nicht als Schule mit Unterrichtsbetrieb organisiert. Es handelte sich bei den Kynikern eher um vereinzelte Wanderprediger oder Philosophen mit ähnlichen Ansichten. Trotzdem gingen diese Verbindungen mit anderen zeitgenössischen Schulen der Philosophie ein, wie zu den Stoikern (Seneca) , zu denen persönliche Verbindungen bestanden .
Die Mittel, mit denen die Kyniker „zubeissen“, um die bestehende künstliche Ordnung durch eine „natürlichere“ zu ersetzen, sind das Vorleben der Armut, Provokation, Satire und Spott in Form von heftigen Busspredigten, die durch einen aggressiven Stil des Vortrags, auffällige, extreme Bildersprache und derbe Anschaulichkeit gekennzeichnet sind, die sogenannte "Diatribe" (unterhaltsame Belehrung in volkstümlichem Ton).
Wohl die einzige Hemmung die Diogenes hatte, war seine Herkunft aus der finstersten Provinz (Sinope) zu verraten. Er bezeichnete sich deshalb gerne als Weltbürger (kosmopolítēs) und war somit einer der ersten Kosmopoliten.
Mit Unterbrüchen bis ins 5. nachchristliche Jahrhundert
zogen Kyniker durch die Lande. Der Römer Salustios aus Emesa (430 n. Chr.) praktizierte
als Letzter eine für das 5. Jahrhundert recht altertümliche Askese.
Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
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